Porträt: Wie Neustark aus Bern CO2 dauerhaft in Abbruchbeton einlagert

- Neustark ist ein 2019 gegründetes Spin-off der ETH Zürich mit Sitz in Bern.
- Die Firma bindet biogenes CO2 dauerhaft im Granulat von Abbruchbeton – eine der wenigen Methoden für permanente Kohlenstoffsenken.
- 2024 sammelte Neustark rund USD 69 Mio. ein, unter anderem mit dem Baustoffkonzern Holcim.
- Ziel ist die dauerhafte Speicherung von einer Million Tonnen CO2 bis 2030.
🔎 Porträt – Bern: Ein ETH-Spin-off macht aus altem Beton ein Klima-Werkzeug – und hat dafür mit Holcim einen der grössten Baustoffkonzerne der Welt an Bord.
Über CO2-Entnahme wird viel geredet. Neustark aus Bern tut es – und zwar mit einem Rohstoff, von dem es mehr als genug gibt: Abbruchbeton. Das Startup verwandelt Bauschutt in einen dauerhaften Kohlenstoffspeicher und gehört damit zu den sichtbarsten Climate-Tech-Firmen der Schweiz.
Was die Firma macht
Neustark betreibt eine Technologie zur Kohlenstoff-Mineralisierung. Vereinfacht gesagt: Die Firma fängt biogenes CO2 ein – etwa aus Biogasanlagen – und presst es in das Granulat von Abbruchbeton. Dort reagiert das Gas mit dem Material und wird als fester Kalkstein gebunden. Das CO2 entweicht nicht mehr, sondern bleibt über geologische Zeiträume im Beton. So entstehen aus Bauschutt verlässliche, messbare Kohlenstoffsenken – eine der wenigen Methoden, die als wirklich permanent gelten.
Die Geschichte
Gegründet wurde Neustark 2019 als Spin-off der ETH Zürich, unter anderem von Johannes Tiefenthaler und Valentin Gutknecht. Die Idee kam direkt aus der Forschung: Tiefenthaler untersuchte an der ETH, wie sich CO2 in Recycling-Beton binden lässt. Aus dem Laborversuch wurde ein Geschäftsmodell. Statt selbst zu bauen, rüstet Neustark die Anlagen von Recycling- und Betonfirmen mit seiner Technik aus und verkauft die dabei entstehende, dauerhafte CO2-Entnahme als Zertifikate an Unternehmen weiter.
Produkt & Technologie
Das Herzstück ist ein modularer Prozess, der sich in bestehende Recyclingplätze einbauen lässt. An der einen Seite kommt eingefangenes CO2 an, an der anderen verlässt mineralisiertes Betongranulat die Anlage, das wieder in den Bau zurückfliesst. Der Clou: Neustark verkauft nicht nur eine Maschine, sondern ein ganzes System aus Technik, Messung und Verkauf der Zertifikate. Weil jede Tonne dokumentiert und überprüfbar ist, taugt das Modell für den anspruchsvollen Markt der permanenten Kohlenstoffentnahme – dort, wo Käufer echte, dauerhafte Senken verlangen und nicht bloss Aufforstung auf Zeit.
Markt & Wettbewerb
Der Markt für permanente CO2-Entnahme ist jung, aber er wächst schnell, getrieben von Konzernen, die glaubwürdige Klimaziele brauchen. Neustark konkurriert mit anderen Ansätzen wie der direkten Luftabscheidung, etwa von Climeworks. Der Vorteil der Berner: Ihr Rohstoff ist Abfall, der ohnehin anfällt, und die Speicherung ist vergleichsweise günstig, weil sie auf bestehende Infrastruktur aufsetzt. Statt riesige neue Anlagen zu bauen, verteilt Neustark viele kleine Speicherpunkte über Europa – überall dort, wo Beton recycelt wird.
Finanzierung & Zahlen
2024 sammelte Neustark rund USD 69 Mio. ein, um international zu wachsen. Zu den Investoren gehört der Baustoffkonzern Holcim, der über eine strategische Partnerschaft hilft, die Technik weltweit zu skalieren. Das erklärte Ziel: bis 2030 eine Million Tonnen CO2 dauerhaft speichern. Neustark hat dafür in den vergangenen Jahren zahlreiche Standorte in mehreren europäischen Ländern in Betrieb genommen.
Unsere Einordnung
Neustark macht vieles richtig. Die Firma löst zwei Probleme auf einmal: Sie speichert CO2 dort, wo es schwer ist – dauerhaft – und gibt Bauschutt einen neuen Zweck. Dass ein Baustoffriese wie Holcim einsteigt, ist ein starkes Signal, denn er bringt Zugang zu genau der Infrastruktur, die Neustark braucht. Kritisch bleibt die Frage nach dem Preis: Permanente Entnahme ist teuer, und der Markt für hochwertige Zertifikate muss erst reifen. Doch wenn eine Schweizer Firma zeigen kann, dass CO2-Speicherung ein normales Industriegeschäft werden kann, dann ist es diese. Ein Musterbeispiel dafür, wie aus ETH-Forschung ein echtes Klima-Geschäftsmodell wird.
Zum Startup
- Name
- Neustark
- Phase
- Series B
- Letzte Runde
- USD 69 Mio. (2024)
- Kanton
- Bern
Quelle: neustark.com
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