Werkstatt-Check: Wie das Wyss Zurich mit einer Wyss-Spende Forschung über das Tal des Todes trägt

- Das Wyss Zurich Translational Center ist ein gemeinsamer Beschleuniger von ETH Zürich und Universität Zürich, lanciert im Dezember 2014, operativ seit März 2015.
- Möglich wurde es durch eine Spende des Schweizer Unternehmers und Philanthropen Hansjörg Wyss über USD 120 Mio.; 2022 gründeten die beiden Hochschulen dafür eine eigene Stiftung.
- Die Schwerpunkte sind regenerative Medizin, Robotik sowie Medizintechnik und Bionik; geleitet wird das Zentrum von Roland Siegwart (ETH) und Simon P. Hoerstrup (UZH).
- Im Portfolio stehen unter anderem Veltist (Dichtungspflaster für Operationen), MYNERVA (neurostimulierende Socke) und Tethys (autonome Unterwasserdrohne); Cutiss verliess das Zentrum nach fünf Jahren mit eigener Produktion.
🏗️ Werkstatt – Zürich: Ein Beschleuniger mitten in zwei Hochschulen, der Projekte finanziert, die für Investoren noch zu früh und für die Grundlagenforschung schon zu weit sind.
Die Schweiz forscht auf Weltniveau. Sie ist nur nicht immer gut darin, aus dieser Forschung Produkte zu machen. Genau an dieser Stelle sitzt das Wyss Zurich Translational Center – eine Werkstatt, die man kennen sollte, wenn man verstehen will, wo Zürcher Medtech- und Robotikfirmen herkommen.
Was die Werkstatt macht
Das Wyss Zurich ist ein Beschleuniger, der direkt in der ETH Zürich und der Universität Zürich verankert ist. Er nimmt Projekte auf, die aus einer der beiden Hochschulen stammen, und begleitet sie auf dem Weg vom Labor zur Anwendung. Die Schwerpunkte sind regenerative Medizin, Robotik sowie Medizintechnik und Bionik.
Das Angebot ist bewusst als Gesamtpaket gedacht. Es gibt Geld für Personal und translationale Entwicklung, ausdrücklich auch für klinische Studien in frühen Phasen. Es gibt Zugang zu Infrastruktur auf Spitzenniveau, darunter eine eigene Anlage zur Herstellung von Substanzen, die am Menschen eingesetzt werden dürfen. Und es gibt Fachleute, die bei Versuchsdesign, Datenanalyse und Geschäftsstrategie mitarbeiten.
Wer aufgenommen werden will, durchläuft ein Auswahlverfahren. Die Projekte werden von wissenschaftlichen Fachleuten geprüft und zusätzlich von einem unabhängigen Gremium beurteilt, in dem Leute aus Industrie und Wirtschaft sitzen. Diese Doppelprüfung ist der Kern des Modells: Wissenschaft allein entscheidet nicht.
Die Geschichte
Hinter dem Zentrum steht Hansjörg Wyss, Schweizer Unternehmer und Philanthrop. Seine Forderung ist unmissverständlich: Durchbrüche in Medizin und Technik müssten so schnell wie möglich den Menschen zugutekommen. Er wolle den Translationsprozess beschleunigen und eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und Anwendung bauen.
Also bat er ETH Zürich und Universität Zürich, gemeinsame Sache zu machen. Das Wyss Zurich Translational Center wurde im Dezember 2014 lanciert und nahm im März 2015 den Betrieb auf. Möglich machte das eine Spende über USD 120 Mio. 2022 gründeten die beiden Hochschulen die Wyss Zurich Foundation, um dem Zentrum eine langfristig stabile Grundlage zu geben.
Geleitet wird das Zentrum von zwei Co-Direktoren: Roland Siegwart von der ETH und Simon P. Hoerstrup von der Universität Zürich. Ein Robotiker und ein Mediziner – die Aufteilung spiegelt die beiden Technologieplattformen des Hauses.
Das Tal des Todes
Das Problem, das hier gelöst werden soll, hat einen Namen: das Tal des Todes. Zwischen einer wissenschaftlichen Entdeckung und ihrer breiten Anwendung liegt eine lange Wartezeit. Viele Erkenntnisse schaffen den Sprung nie, weil Industrie und Investoren lieber in weiter fortgeschrittene Technologien einsteigen. Was fehlt, ist Geld für genau die Phase dazwischen – zu weit für Forschungsförderung, zu früh für Risikokapital.
Das ist keine Schweizer Eigenheit, aber es trifft die Schweiz besonders. Ein Land mit dieser Forschungsdichte verliert an dieser Stelle überdurchschnittlich viel Substanz. Das Wyss Zurich ist der Versuch, diese Lücke mit privatem Geld und öffentlicher Infrastruktur zu überbrücken.
Wer im Portfolio steht
Veltist wurde im Mai 2025 ins Portfolio aufgenommen. Das Projekt entwickelt ein Dichtungspflaster, das Lecks von Verdauungsflüssigkeit nach Operationen an Bauchorganen verhindern soll – eine häufige und oft tödliche Komplikation.
MYNERVA ist ein Bionik-Projekt. Es baut ein neurostimulierendes Gerät, bei dem Sensoren und Elektroden in einer Socke stecken. Ziel ist, Menschen mit diabetischer Neuropathie Schmerzen zu nehmen und ihr Gangbild zu verbessern.
Tethys kommt aus der Robotik und entwickelt eine kompakte, autonome Unterwasserdrohne für Inspektionen und Vermessungen in trübem und rauem Wasser. Drei Projekte, drei sehr unterschiedliche Disziplinen – das ist genau die Mischung, die das Haus sucht.
Wie ein Erfolg aussieht, zeigt Cutiss. Der Spin-off der Universität Zürich und des Kinderspitals entwickelt personalisierte Hauttransplantate für Brandverletzte. Nach fünf Jahren am Wyss Zurich verliess Cutiss das Zentrum – mit gelungenem Technologietransfer und einer eigenen Produktionsanlage für denovoSkin. Die Firma hat inzwischen über CHF 125 Mio. eingesammelt.
Unsere Einordnung
Das Wyss Zurich ist die wirksamste Antwort, die die Schweiz auf ihr Translationsproblem gefunden hat – und gleichzeitig ein unangenehmer Hinweis. Denn dass es diese Brücke überhaupt braucht, ist ein Eingeständnis: Der reguläre Weg von der Publikation zum Produkt funktioniert nicht gut genug.
Am stärksten überzeugt das Gesamtpaket. Geld allein hätte wenig gebracht. Entscheidend ist die Kombination aus Finanzierung, Reinraum-Infrastruktur für Substanzen am Menschen und Fachleuten, die beim Studiendesign mitarbeiten. Ein junges Medtech-Team scheitert selten an der Idee. Es scheitert an der Regulatorik, an der Produktion, an der ersten klinischen Studie. Genau dort setzt das Haus an.
Die Grenze des Modells ist die Abhängigkeit von einer einzelnen Person. Ohne die Spende von Hansjörg Wyss gäbe es das Zentrum nicht. Die Stiftungsgründung von 2022 war deshalb der wichtigere Schritt als die Eröffnung: Sie macht aus einem grosszügigen Geschenk eine dauerhafte Institution. Wünschenswert wäre, dass die Schweiz solche Brücken nicht nur baut, wenn ein Milliardär sie bezahlt.
Quelle: wysszurich.ch
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