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VitalFluid holt EUR 17,2 Mio. – der Blitz aus der Box soll das Fungizid ersetzen

Redaktion·28. Aug. 2026·7 Min.
VitalFluid holt EUR 17,2 Mio. – der Blitz aus der Box soll das Fungizid ersetzen
In 30 Sekunden gelesen
  • VitalFluid aus Eindhoven sammelt EUR 17,2 Mio. – co-geführt von Invest-NL und Alder Tree Investments.
  • Die Technologie macht aus Wasser, Luft und Strom plasma-aktiviertes Wasser als Fungizid-Ersatz.
  • Das TU-Eindhoven-Spin-off wurde 2014 gegründet und ist bereits auf über 100 Hektar Erdbeeranbau im Einsatz.
  • Das Geld geht in Wachstum in Grossbritannien, den Markteintritt USA und neue Kulturen wie Äpfel und Trauben.

🌍 Blick über die Grenze – Niederlande: Ein Startup aus Eindhoven ahmt den Blitz nach, um Pilzbefall zu bekämpfen – und trifft damit genau die Debatte, die auch die Schweizer Landwirtschaft seit Jahren umtreibt.

VitalFluid hat EUR 17,2 Mio. eingesammelt. Das Geld soll eine Technologie in die Fläche bringen, die auf den ersten Blick wie ein Physik-Experiment klingt und auf den zweiten wie ein sehr konkreter Angriff auf den Fungizid-Markt.

Was die Firma macht

VitalFluid stellt plasma-aktiviertes Wasser her, kurz PAW. Zutaten: Wasser, Luft, Strom. Sonst nichts. Bei einem Gewitter passiert dasselbe von allein – ein Blitz verwandelt Wasser in der Atmosphäre in eine reaktive Flüssigkeit. Die Niederländer haben diesen Vorgang in eine Maschine gepackt und nennen ihn selbst Blitz in einer Box.

Der technische Kern liegt darin, die reaktiven Stickstoff- und Sauerstoffverbindungen im Wasser zu isolieren und zu stabilisieren. Wird die Flüssigkeit auf die Pflanze gebracht, schützt sie gegen Pilzkrankheiten – ohne Rückstände zu hinterlassen. Produziert wird direkt beim Betrieb, es gibt also keine Transport- und Lagerkette für Chemikalien.

Gegründet wurde VitalFluid 2014 von Paul Leenders und Polo van Ooij als Spin-out der Technischen Universität Eindhoven. Der Sitz liegt auf dem High Tech Campus in Eindhoven. Geführt wird die Firma heute von CEO Erik Hertel. 2024 hatte VitalFluid bereits EUR 5 Mio. für die Markteinführung geholt.

Was gerade passiert ist

Die neue Runde über EUR 17,2 Mio. wird gemeinsam von Invest-NL und Alder Tree Investments angeführt. Invest-NL allein steuert EUR 4 Mio. bei. Mit dabei sind die bestehenden Aktionäre Horticoop, die Brabantse Ontwikkelings Maatschappij, Future Food Fund, Graduate Ventures, Innovation Industries, VDL Groep und der Goeie Grutten Impact Fonds. Enthalten ist zudem ein Innovationskredit der niederländischen Förderagentur RVO über EUR 2,7 Mio.

Erik Hertel sagt dazu, die Investition bestätige das Potenzial der Technologie für ein nachhaltigeres Lebensmittelsystem und erlaube es, den kommerziellen Rollout zu beschleunigen. Invest-NL begründet den Einstieg damit, eine Firma zu unterstützen, die zur strukturellen Nachhaltigkeit der Landwirtschaft beiträgt.

Interessant ist der Reifegrad. VitalFluid ist nach eigenen Angaben bei britischen Anbauern wie Hall Hunter Partnership, Angus Growers und EC Drummond im Einsatz – auf mehr als 100 Hektar kommerzieller Erdbeerproduktion. Das ist der Schritt vom Versuch zur Praxis. Das frische Kapital geht in weiteres Wachstum in Grossbritannien, den Markteintritt in den USA und die Ausweitung auf Äpfel und Trauben.

Warum der Markt gerade kippt

Drei Kräfte wirken gleichzeitig auf den Pflanzenschutz. Erstens die Regulierung: In Europa fallen laufend Wirkstoffe aus der Zulassung. Zweitens die Resistenzen – Pilze gewöhnen sich an das, was jahrzehntelang gespritzt wurde. Drittens der Druck von Handel und Konsumenten auf Rückstände in Lebensmitteln und auf die Wasserqualität.

Alternativen gibt es viele. Die meisten scheitern an derselben Hürde: Sie wirken im Labor, aber nicht zuverlässig genug im Feld, oder sie sind zu teuer. Was VitalFluid vom Feld der biologischen Präparate unterscheidet, ist die Betriebslogik. Statt ein Produkt zu verkaufen, das produziert, verpackt und geliefert werden muss, verkauft die Firma eine Maschine, die vor Ort aus Wasser, Luft und Strom das Mittel selbst herstellt. Das ändert die Kostenstruktur grundlegend.

Warum das für die Schweiz zählt

Kaum ein Land diskutiert Pflanzenschutzmittel so intensiv wie die Schweiz. Zwei Volksinitiativen zum Thema, ein Absenkpfad des Bundes, dauernder Streit über Wirkstoffe im Grundwasser: Der politische Druck ist hier höher als fast überall in Europa. Trotzdem fehlt der Praxis oft der Ersatz. Genau in diese Lücke zielt eine Technologie wie PAW.

Der Schweizer Agrartech-Sektor ist stark – aber anders positioniert. Firmen wie Ecorobotix aus der Waadt oder Agroscope-nahe Projekte optimieren die Ausbringung: weniger Mittel, präziser platziert. VitalFluid greift eine Stufe früher an und ersetzt das Mittel selbst. Beides zusammen wäre der eigentliche Hebel. Dass hier kein Schweizer Team vorne mitspielt, ist bemerkenswert – die Plasmaphysik-Kompetenz an ETH, EPFL und Empa wäre vorhanden.

Auch die Finanzierungsseite verdient einen Blick. In der Runde stecken eine staatliche Investitionsbank, eine regionale Entwicklungsgesellschaft, ein Industriekonzern und ein Förderkredit. Die Niederlande organisieren Deeptech-Kapital über diese Mischung sehr bewusst. In der Schweiz fällt genau dieses Segment zwischen Innosuisse-Förderung und klassischem VC oft durch. Wer sich fragt, warum Schweizer Hardware-Startups häufig im Ausland skalieren, findet hier einen Teil der Antwort.

Ein Vorbehalt bleibt. 100 Hektar Erdbeeren sind ein guter Beweis, aber kein Markt. Der Sprung zu Äpfeln und Trauben bedeutet andere Krankheitsbilder, andere Anwendungsfenster, andere Anbauer. Und in den USA wartet ein Zulassungssystem, das mit europäischen Daten wenig anfangen kann. Die nächsten zwei Jahre zeigen, ob aus dem Blitz in der Box ein Standard wird – oder eine sehr elegante Nische.

Quelle: eu-startups.com

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