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Porträt: Wie Zelsius aus Root den Schweizer Industrie-KMU die CO2-Bilanz abnimmt

Redaktion·1. Sept. 2026·7 Min.
Porträt: Wie Zelsius aus Root den Schweizer Industrie-KMU die CO2-Bilanz abnimmt
In 30 Sekunden gelesen
  • Zelsius ist ein Spin-off der Hochschule Luzern und ein ETH-Start-up mit Sitz in Root D4 im Kanton Luzern.
  • Die Zelsius AG wurde am 13. Juni 2024 im Handelsregister eingetragen; der Software-Launch folgte im Mai 2025.
  • Ein Jahr nach dem Launch hat die Plattform im Juni 2026 die Marke von 100 angemeldeten Betrieben überschritten.
  • Das Unternehmen wird von der Innovationsagentur Innosuisse unterstützt; mehrere Branchenverbände setzen die Software ein.

🔎 Porträt – Root LU: Ein Startup, das aus einer der lästigsten Pflichten der Schweizer Industrie ein Software-Produkt gemacht hat.

Die CO2-Bilanz ist für viele Schweizer Industrie-KMU das, was die Mehrwertsteuerabrechnung in den Neunzigern war: unvermeidlich, unangenehm und teuer, wenn man sie einer Beratung überlässt. Genau in diese Lücke ist Zelsius gestürmt – ein Spin-off der Hochschule Luzern mit Sitz in Root im Kanton Luzern.

Was die Firma macht

Zelsius entwickelt Software, mit der Schweizer Industriebetriebe ihre Emissionen berechnen – auf Unternehmens- und auf Produktebene. Ein KMU legt ein Profil an und wird durch die Berechnung geführt. Neben der Unternehmens- und der Produktbilanz bietet die Firma einen Netto-Null-Fahrplan an, also einen Plan, wie sich die Emissionen konkret senken lassen. Das ist der eigentliche Punkt: Eine Bilanz allein verändert nichts, sie ist nur die Ausgangslage.

Auffällig ist der enge Branchenfokus. Zelsius adressiert Elektro- und Elektronikindustrie, Holzbau, Innenausbau und Möbelhersteller, Kunststoffindustrie, Maschinenbau, Medizintechnik und Metallverarbeitung. Das ist keine Software für alle, sondern eine für die Schweizer Fertigung.

Die Geschichte

Die Firma erzählt ihren eigenen Werdegang erfrischend unpathetisch. Im September 2021 lernen sich die Gründerinnen und Gründer am Massachusetts Institute of Technology kennen – alle fernab der Heimat mit Klimaforschung beschäftigt. Im November 2022 entsteht die erste CO2-Bilanz, ausgerechnet für eine Gemüsegärtnerei, auf der einer der Gründer aufgewachsen ist. Bodenständiger geht es kaum.

Im Mai 2023 kommen die ersten Fördergelder vom Energy Lab – rund CHF 15'000 als Anschubfinanzierung für die geplante Software. Im November 2023 folgt ein Förderbeitrag der Gebert Rüf Stiftung, und aus dem Freizeitprojekt wird ein fester Bestandteil des Alltags. Am 13. Juni 2024 wird die Zelsius AG im Handelsregister eingetragen. Im Mai 2025 kommt der Software-Launch, den die Firma selbst als wichtigsten Meilenstein bezeichnet. Im Januar 2026 stellt Zelsius mit Adrian Schweizer den ersten Mitarbeiter ein. Und im Juni 2026, ein Jahr nach dem Launch, knackt die Plattform die Marke von 100 angemeldeten Betrieben.

Das Gründungsteam besteht aus Adina Hochuli als Geschäftsführerin, Yannick Krabben (Produktentwicklung), Lukas Hegner (Forschung und Entwicklung) und Marcel Niederberger (Marketing und Vertrieb). Zelsius ist ein Start-up der ETH sowie offizielles Spin-off der Hochschule Luzern und wird von der Innovationsagentur Innosuisse unterstützt.

Produkt & Technologie

Die technische Herausforderung bei CO2-Bilanzen liegt nicht in der Mathematik, sondern in den Daten. Scope 1 sind die direkten Emissionen des Betriebs, Scope 2 die aus zugekaufter Energie – beides noch überschaubar. Scope 3 dagegen umfasst die gesamte vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette und ist für ein Maschinenbau-KMU mit hunderten Zulieferteilen ein Albtraum. Genau hier entscheidet sich, ob eine Software taugt: Sie muss branchentypische Materialien, Prozesse und Emissionsfaktoren schon kennen, sonst sitzt der Betrieb wochenlang vor leeren Feldern.

Zelsius löst das über die Branchenlogik. Wer aus dem Holzbau kommt, bekommt eine andere Vorlage als ein Medizintechnik-Zulieferer. Dass das Team aus aktiven Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Bereichen Klima, Energie und Industrie besteht, ist dabei kein Marketing-Detail: Emissionsfaktoren sauber zu hinterlegen, ist eine Fachaufgabe, keine Programmierübung.

Markt & Wettbewerb

Der Markt für Nachhaltigkeits-Software ist voll. Internationale Anbieter zielen auf Konzerne mit eigener Nachhaltigkeitsabteilung. Beratungshäuser rechnen die Bilanz von Hand und stellen dafür Tagessätze in Rechnung. Dazwischen liegt eine grosse, schlecht bediente Zone: der Schweizer Industriebetrieb mit 30 bis 200 Mitarbeitenden, der von seinem Grosskunden plötzlich eine Produktbilanz verlangt bekommt und weder Personal noch Budget dafür hat.

Zelsius hat sich in dieser Zone einen klugen Vertriebsweg gesucht. Mehrere Branchenverbände setzen die Software ein, um ihre Mitglieder zu unterstützen. Das ist der effizienteste Kanal, den es in der Schweizer Industrie gibt: Ein Verband bringt hunderte potenzielle Kunden auf einmal, und er bringt Vertrauen gleich mit.

Unsere Einordnung

Zelsius macht vieles richtig, was Cleantech-Startups gern falsch machen. Die Firma verkauft kein Ideal, sondern eine Pflichtübung, die dem Kunden ohnehin bevorsteht. Sie hat sich einen engen Branchenkorridor gewählt statt der ganzen Welt. Und sie ist über Verbände in den Markt gegangen statt über teure Einzelakquise. Dass die Firma erst 2024 eingetragen wurde und im Juni 2026 bereits über 100 angemeldete Betriebe zählt, ist für ein Software-Startup im Schweizer Industriemarkt ein ordentliches Tempo.

Die offene Frage ist die Preisdurchsetzung. Regulatorisch getriebene Software hat ein Grundproblem: Sobald die Pflicht erfüllt ist, sinkt die Zahlungsbereitschaft. Der Netto-Null-Fahrplan ist deshalb strategisch das wichtigste Produkt – er macht aus einer einmaligen Bilanz eine laufende Kundenbeziehung. Gelingt das, wird Zelsius zur Standardsoftware der Schweizer Fertigung. Gelingt es nicht, bleibt es ein sehr solides, aber begrenztes Bilanz-Werkzeug.

Unser Fazit: eines der unaufgeregtesten und zugleich glaubwürdigsten Cleantech-Startups der Zentralschweiz. Kein Hype, kein Milliardenmarkt-Gerede – dafür ein Produkt, das ein reales Problem löst, das jeden Industriebetrieb im Land betrifft. Wir behalten die Zahl der angeschlossenen Verbände im Auge. Sie sagt mehr über die Zukunft von Zelsius als jede Kundenzahl.

Zum Startup

Name
Zelsius
Kanton
Luzern

Quelle: zelsius.ch

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