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Porträt: Wie Verity aus Zürich die Nachtschicht im Lager an Drohnen übergibt

Redaktion·7. Sept. 2026·7 Min.
Porträt: Wie Verity aus Zürich die Nachtschicht im Lager an Drohnen übergibt
In 30 Sekunden gelesen
  • Verity ist ein ETH-Spin-off von 2014, gegründet von Raffaello D'Andrea mit Markus Hehn und Markus Waibel.
  • Die Firma startete als Verity Studios mit Drohnenshows für Cirque du Soleil, Metallica und Céline Dion; die Lagerlösung kam 2020 aus dem Stealth-Modus.
  • Im März 2023 holte Verity USD 32 Mio. in einer Series B unter Führung von A.P. Moller Holding, mit Exor Ventures.
  • Kunden sind unter anderem DSV, Ingka, Maersk und Samsung SDS; damals liefen die Systeme an 30 Standorten in 13 Ländern.

🔎 Porträt – Zürich: Wenn abends die Gabelstapler verstummen, hebt in einigen der grössten Lagerhallen der Welt eine Flotte ab, die niemand steuert.

Verity gehört zu den Schweizer Robotikfirmen, die man kaum sieht und trotzdem überall trifft – im IKEA-Hochregal, im Verteilzentrum eines dänischen Logistikers, früher über den Köpfen eines Metallica-Publikums. Die Firma hat aus einem ETH-Labor eine Kategorie gemacht: Drohnen, die drinnen fliegen, ohne GPS und ohne Pilot.

Was die Firma macht

Verity verkauft keine Drohne, sondern eine Inventur. Das System übernimmt die manuelle Zählung im Lager, eine der langweiligsten und fehleranfälligsten Aufgaben der Logistik. Die Drohnen tragen eigene Beleuchtung, Kameras und Software an Bord, navigieren nachts selbstständig zwischen deckenhohen Regalen und scannen Barcodes von Paletten und Lagerplätzen. Am Morgen wissen die Betreiber, ob der digitale Bestand mit dem physischen übereinstimmt.

Das klingt banal, ist es aber nicht. Falsch verbuchte oder verstellte Paletten kosten Zeit, verzögern Auslieferungen und binden Personal, das anderswo fehlt. Wer den Bestand kennt, muss weniger Puffer lagern.

Die Geschichte

Verity wurde 2014 gegründet, von ETH-Professor Raffaello D'Andrea zusammen mit Markus Hehn und Markus Waibel. Die technische Grundlage stammt aus D'Andreas Labor am Institute for Dynamic Systems and Control. D'Andrea ist in der Robotik keine unbekannte Grösse: Er hat zuvor Kiva Systems mitgegründet, das 2012 von Amazon übernommen wurde und heute Amazon Robotics heisst. 2016 erhielt er den IEEE Robotics and Automation Award.

Der Weg ins Lager führte über die Bühne. Unter dem Namen Verity Studios machte sich die Firma zuerst im Live-Entertainment einen Namen. Aus der Zusammenarbeit mit dem Cirque du Soleil am preisgekrönten Kurzfilm «Sparked» entstanden die späteren Lucie-Drohnen, die Lichtshows direkt über den Köpfen des Publikums flogen – im Broadway-Musical Paramour, auf Metallicas WorldWired-Tour und auf Céline Dions Courage World Tour. Bis 2021 kamen laut ETH mehr als 300'000 Flüge in 20 Ländern zusammen.

Das war kein Umweg, sondern ein Testlabor. Eine Drohne, die über einem vollen Konzertsaal fliegt, darf schlicht nicht abstürzen. Diese Ausfallsicherheit ist heute Verkaufsargument. Parallel entwickelte die Firma im Stealth-Modus die Lagerlösung und brachte sie 2020 auf den Markt.

Produkt und Technologie

Der Kern ist die autonome Navigation ohne Satellitensignal. Im Lager gibt es kein GPS, dafür Metallregale, wechselnde Lichtverhältnisse und enge Gänge. CTO Markus Hehn entwickelte im Doktorat an der ETH Lernalgorithmen, mit denen Quadrocopter einen Slalomkurs lernen und mit einem Pendel fangen spielen konnten. Genau diese Verfahren erlauben den Verity-Drohnen heute, sich selbst zurechtzufinden. Aus der Forschung von Federico Augugliaro, heute Head of Product, stammt die Koordination ganzer Flotten – ursprünglich für fliegend gebaute Architektur und eine Seilbrücke. Bis 2021 hatte die Firma fast 100 Patente angemeldet.

Verity hat auch versucht, den Nutzen zu quantifizieren. Eine eigene Studie kommt zum Schluss, dass eine Drohnen-Inventur in einem Lager mit 100'000 Paletten jährlich so viel CO2 einspart, wie wenn 5'000 Autos von der Strasse verschwinden. Eine Herstellerzahl – aber eine, die zeigt, worauf die Firma zielt.

Markt, Kunden und Finanzierung

2021 begann der Rollout beim dänischen Logistiker DSV und in IKEA-Filialen. Im März 2023 folgte die Series B: USD 32 Mio. unter Führung der A.P. Moller Holding, mit Exor Ventures sowie bestehenden und neuen Investoren. Zu diesem Zeitpunkt liefen die Systeme an 30 Standorten in 13 Ländern auf drei Kontinenten, die Kundenliste nannte DSV, Ingka, Maersk und Samsung SDS. Heute zählt Verity rund 135 Mitarbeitende. In den Schweizer Rankings taucht die Firma seit Jahren auf: Top 100 Swiss Startup 2018, Top 100 Scale-Up 2020 und 2021.

Der Wettbewerb kommt aus zwei Richtungen. Von unten drängen günstigere Scan-Lösungen mit Bodenrobotern oder fest installierten Kameras ins Lager. Von oben bauen die grossen Automatisierer eigene Bestandssysteme. Veritys Vorsprung liegt darin, dass die Drohne kein Umbau ist: Sie fliegt in bestehende Hallen, ohne Schienen, ohne Umrüstung.

Unsere Einordnung

Verity ist eines der besten Beispiele dafür, wie Schweizer Grundlagenforschung zu einem Produkt wird, das weltweit läuft. Bemerkenswert ist weniger die Technik als die Reihenfolge: Erst das Unterhaltungsgeschäft, das Zuverlässigkeit erzwingt, dann die Industrie, die dafür zahlt. Viele Deeptech-Teams machen es umgekehrt und verbrennen Kapital, bevor die Technologie robust ist.

Kritisch bleibt die Skalierung. Lagerautomatisierung wird selten gekauft, sie wird jahrelang evaluiert. Jeder neue Standort bedeutet Integration in ein bestehendes Warenwirtschaftssystem, und der Verkaufszyklus ist lang. Dass Verity mit A.P. Moller Holding einen Investor an Bord hat, der selbst in der Logistik zu Hause ist, hilft dabei mehr als jede Finanzierungsrunde. Wir hätten gerne aktuellere Zahlen zu Standorten und Umsatz – die Firma kommuniziert dazu zurückhaltend. Wer aus dem Stand einen Weltmarkt definiert, darf ruhig etwas lauter sein.

Zum Startup

Name
Verity
Phase
Growth
Letzte Runde
USD 32 Mio. (Series B, 2023)
Kanton
Zürich
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Investoren

Quelle: ethz.ch

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