Porträt: Wie Sun-Ways aus Ecublens den Solarpark zwischen die Schienen legt

- Sun-Ways aus Ecublens VD entwickelt seit 2021 entfernbare Solaranlagen zwischen Bahngleisen.
- Die Pilotanlage in Buttes NE läuft seit April 2025 und produzierte über 16'000 Kilowattstunden.
- Über 11'000 Züge sind seither über die Panels gefahren, ohne deren Stabilität zu beeinträchtigen.
- Die SNCF unterzeichnete im Februar eine technische Kooperationsvereinbarung mit Sun-Ways.
🔎 Porträt – Ecublens VD: Zwischen den Schweizer Bahnschienen liegt eine ungenutzte Fläche, die rund zwei Prozent des Landesstrombedarfs decken könnte. Ein Waadtländer Startup baut die Maschine, die sie belegt.
Die Schweiz hat ein Solarproblem, und es ist kein technisches. Es fehlt an Fläche, an Bewilligungen und an Leuten, die montieren. Sun-Ways aus Ecublens im Kanton Waadt greift deshalb nach einer Fläche, die niemand sonst will: dem Raum zwischen den Schienen.
Was die Firma macht
Sun-Ways entwickelt seit 2021 ein patentiertes System, mit dem sich Solarpanels flach zwischen die Schienen legen lassen – und genauso schnell wieder entfernen. Das Entfernen ist der eigentliche Kniff. Eine Bahnstrecke muss unterhalten, geschliffen und gestopft werden. Eine fest verbaute Anlage wäre dafür ein Hindernis. Sun-Ways setzt deshalb auf eine spezielle Bahnmaschine, die die Module mechanisch verlegt und wieder aufnimmt.
Die Firma rechnet vor, dass sich so ein Quadratkilometer in wenigen Stunden belegen lässt. Der Strom kann direkt in die Fahrleitung oder ins Verteilnetz gehen. Und der Landschaftsschutz hat wenig einzuwenden: Die Panels liegen ebenerdig in einer Infrastruktur, die es schon gibt.
Die Geschichte
Sun-Ways wurde 2021 von Joseph Scuderi und Baptiste Danichert gegründet. Die Idee stammt von Scuderi, der die Firma auch führt. Das Team ist bis heute klein: Maniks Krasniqi verantwortet die Bahnmechanik. Die technische Entwicklung entstand in Zusammenarbeit mit der EPFL und mit Unterstützung von Innosuisse.
Der schwierigste Teil war nicht die Physik, sondern die Bewilligung. Erst nach gründlicher Prüfung durch das Bundesamt für Verkehr durfte Sun-Ways im April 2025 einen 100 Meter langen Abschnitt bei Buttes im Kanton Neuenburg bestücken. Betrieben wird die Strecke von transN, dem Neuenburger Verkehrsbetrieb.
Was der Pilot gezeigt hat
Ein Jahr nach dem Start liegen Zahlen vor, und sie sind ordentlich. Seit Mai 2025 produzierte die Anlage über 16'000 Kilowattstunden – und das trotz eines rund einmonatigen Unterbruchs wegen Schnee und technischer Arbeiten. Über 11'000 Züge sind über die Panels gerollt, ohne deren Stabilität zu beeinträchtigen. transN meldet keine Konflikte mit Infrastruktur, Unterhalt oder Zugverkehr.
Das ist genau das, worauf es bei einer Bahnanwendung ankommt. Ertrag ist die eine Frage. Die andere, viel härtere lautet: Stört das Ding den Betrieb? Bisher lautet die Antwort nein. Sun-Ways will die vom Bundesamt für Verkehr angesetzte dreijährige Pilotphase deshalb verkürzen und schneller zur definitiven Bewilligung kommen.
Markt und Ausland
Sun-Ways schätzt das Schweizer Potenzial auf bis zu eine Milliarde Kilowattstunden pro Jahr. Grundlage sind rund 5'320 Kilometer Netz, Tunnel und schlecht besonnte Abschnitte bereits abgezogen. Das entspricht etwa zwei Prozent des Schweizer Stromverbrauchs – oder, anders gerechnet, rund 30 Prozent des Strombedarfs des öffentlichen Verkehrs.
In Europa liegen über 260'000 Kilometer Schiene. Entsprechend rege ist das Interesse. Die französische SNCF unterzeichnete im Februar eine technische Kooperationsvereinbarung. Mit der italienischen Rete Ferroviaria Italiana steht Sun-Ways über einen möglichen Pilotversuch in Kontakt, dazu kommen Gespräche mit Partnern in Südkorea und Indonesien. Die Firma stuft ihre Technologie auf Reifegrad TRL7 ein und peilt den Markteintritt ab 2027 an.
Unsere Einordnung
Sun-Ways gewinnt nicht über den Wirkungsgrad. Panels, die flach liegen, produzieren weniger als geneigte. Die Firma gewinnt über alles andere: keine Landnutzungskonflikte, keine Einsprachen wegen der Aussicht, keine Baubewilligung für eine Freifläche, und eine Montage, die maschinell statt von Hand läuft. In einem Land, in dem jedes grössere Solarprojekt Jahre in Rekursen verliert, ist das der eigentliche Wettbewerbsvorteil.
Nur: 100 Meter sind 100 Meter. Von einem Pilotabschnitt zu Dutzenden Kilometern ist es ein weiter Weg, und Bahnbetreiber sind konservativ, aus guten Gründen. Wir hätten deshalb gern mehr Transparenz zur Finanzierung des Teams gesehen – die ist bislang nicht offengelegt. Trotzdem: Dass die SNCF unterschreibt und Italien anfragt, bevor die Schweizer Bewilligung definitiv ist, sagt einiges. Manchmal ist ein Schweizer Startup im Ausland schneller anerkannt als daheim.
Quelle: ggba.swiss
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