Porträt: Wie ProSeed aus Walliser Lebensmittelresten wertvolle Zutaten macht

- ProSeed baut containerbasierte Anlagen, die feuchte Lebensmittel-Nebenprodukte vor Ort zu Rohstoffen trocknen.
- Entstanden aus einer EPFL-Masterarbeit, Sitz in Sion, sieben Vollzeitstellen.
- Pilotanlage in Martigny seit Februar 2025 in Betrieb, Kooperation mit Grossmühle GMSA seit April 2025 im Handel.
- Im September 2026 Teil des Climate-Collider-Programms von Swissnex und Innosuisse in Boston und New York.
🔎 Porträt – Sion, Wallis: Ein Startup aus dem Wallis verwandelt nasse Bierhefe und Tofu-Reste in Zutaten für unser Essen – und wurde dafür gerade in ein US-Klimaprogramm eingeladen.
ProSeed Ingredients aus Sion holt aus feuchten Nebenprodukten der Lebensmittelindustrie – Biertreber, Okara aus der Tofu- und Hafermilchproduktion – wertvolle Proteine und Fasern. Im September 2026 war das Startup Teil der Schweizer Delegation im Climate-Collider-Programm von Swissnex und Innosuisse, das Schweizer Climate-Tech-Firmen für zwei Wochen mit den Ökosystemen in Boston und New York vernetzt.
Was die Firma macht
ProSeed baut containerbasierte Trocknungs- und Trennanlagen, die direkt an der Schnittstelle zwischen Lebensmittelverarbeitung und Abfallentsorgung stehen. Statt teuren Transport und Entsorgung von nassen Nebenprodukten zu bezahlen, trocknen und verarbeiten Brauereien, Tofu- oder Hafermilchhersteller ihre Reststoffe direkt vor Ort zu lagerfähigen Rohstoffen für die Lebensmittelindustrie. Die Anlage ist vollelektrisch, kommt ohne Verbrennung und Abgasreinigung aus und verlängert die Haltbarkeit der Reststoffe von wenigen Stunden auf über 18 Monate – bei rund der Hälfte des Energieverbrauchs klassischer Trocknungsverfahren.
Die Geschichte
Die Idee entstand während der Masterarbeit von Mitgründer und CEO Aurélien Ducrey an der EPFL Lausanne. In der Nähe einer Brauerei stiess das spätere Gründerteam auf das Problem: Braubetriebe erzeugen grosse Mengen an feuchtem Treber, der schnell verdirbt und teuer entsorgt werden muss. Rückmeldungen aus der Industrie bestätigten den Bedarf, worauf Ducrey gemeinsam mit den Mitgründern Matheo, Mikrotechnik-Ingenieur, und Tobias Vogel, zuständig für Business Development, die Idee zur Firma machte. Die Rechte an der an der EPFL entwickelten Technologie gingen an das Unternehmen über, das sich nach dem Studium im Wallis ansiedelte – die Infrastruktur der Region habe den Ausschlag gegeben. Heute beschäftigt ProSeed sieben Vollzeitstellen.
Produkt & Technologie
Im Februar 2025 weihte ProSeed in Martigny seine erste Pilotanlage ein, ein rund zwölf Meter langer Container, der jährlich 1300 Tonnen feuchte Nebenprodukte verarbeitet. Unterstützt wurde der Bau von der Walliser Standortförderung CCF SA, dem Innovationsnetzwerk CimArk und der Ark-Stiftung. Mit der Grossmühle Groupe Minoteries SA (GMSA), der zweitgrössten Mühle der Schweiz, entwickelte ProSeed eine Mehlmischung für Baguettes, die seit April 2025 landesweit im Handel ist – ein sichtbarer Beleg dafür, dass sich das Verfahren in ein bestehendes Lebensmittelprodukt übersetzen lässt. Ende 2025 sollte zudem die erste Anlage direkt bei einer Brauerei vor Ort in Betrieb gehen, ein Schritt vom zentralen Pilotbetrieb zur dezentralen, mobilen Lösung an der Quelle der Reststoffe.
Markt & Wettbewerb
Der Markt für Food-Upcycling wächst, seit Lebensmittelverarbeiter unter Druck stehen, Foodwaste zu reduzieren und Entsorgungskosten zu senken. ProSeed positioniert sich dabei nicht als Hersteller eigener Endprodukte, sondern als Technologieanbieter für die verarbeitende Industrie – ein B2B-Modell, das Erträge über tiefere Transport- und Entsorgungskosten sowie über den Verkauf der gewonnenen Rohstoffe erzielt. Die Aufnahme in den Climate Collider 2026 bringt dem Startup Zugang zum nordamerikanischen Klimatech-Ökosystem, wo Foodwaste- und Kreislauftechnologien ebenfalls stark nachgefragt sind.
Team & Lernkurve
Aus einer EPFL-Masterarbeit ein Industrieunternehmen zu machen, verlangt andere Fähigkeiten als Forschung. Ducrey beschreibt diesen Wandel selbst offen: Als Gründer habe er lernen müssen, auch verkaufsorientiert zu denken, statt sich nur auf die Technik zu konzentrieren. Das sieben Personen starke Team deckt heute sowohl die technische Seite – Mikrotechnik und Verfahrenstechnik – als auch die kommerzielle Seite ab, inklusive direkter Zusammenarbeit mit Industriepartnern wie GMSA. Konkrete Finanzierungsrunden hat ProSeed bislang nicht öffentlich kommuniziert; die bisherige Entwicklung stützte sich unter anderem auf Unterstützung durch die Walliser Standortförderung.
Unsere Einordnung
ProSeed macht vor, wie unspektakuläre Ingenieurskunst spürbaren Umweltnutzen bringen kann: kein neues Konsumprodukt, sondern eine Maschine, die eine Kette bestehender Betriebe effizienter macht. Die Partnerschaft mit GMSA zeigt, dass sich das Konzept bereits in ein Produkt im Regal übersetzen lässt – das ist mehr, als viele Foodtech-Startups in dieser Phase vorweisen können. Der Blick über den Atlantik im Rahmen des Climate Collider ist folgerichtig: Wer containerbasierte Anlagen bei Brauereien und Mühlen weltweit verkaufen will, muss früh internationale Partner und Kunden kennenlernen. Ob aus dem Sion-Pilotprojekt ein europa- oder gar weltweit skalierbares Geschäft wird, hängt jetzt vor allem davon ab, wie schnell ProSeed weitere dezentrale Anlagen bei Kundinnen und Kunden realisiert.
Quelle: proseed.co
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