Porträt: Wie MobyFly aus dem Wallis Fähren zum Fliegen bringt

- MobyFly aus Collonges (Wallis) entwickelt emissionsfreie Tragflügelboote (Hydrofoils) für den Markt schneller Fähren.
- Die Firma nennt über 60 km/h Reisegeschwindigkeit bei rund 80 Prozent weniger Energieverbrauch als heutige Diesel-Fähren.
- Die Series-A-Runde über CHF 10,1 Mio. wurde 2025 abgeschlossen, unter anderem mit Crédit Mutuel und CCF Valais.
- Gegründet wurde MobyFly von Windsurf-Weltmeister Anders Bringdal, Ingenieur Ricardo Bencatel und Unternehmerin Sue Putallaz.
🔎 Porträt – Collonges (VS): Ein Walliser Startup baut Boote, die über dem Wasser schweben – und will damit einen Markt aufmischen, der so gross ist wie die zivile Luftfahrt.
Das Wallis ist kein offensichtlicher Ort für Schiffbau. Genau dort, in Collonges zwischen Martigny und Saint-Maurice, entsteht eine der spannendsten Mobility-Wetten der Schweiz. MobyFly baut elektrische Tragflügelboote und zielt nicht auf Yachtbesitzer, sondern auf den öffentlichen Personenverkehr auf dem Wasser.
Was die Firma macht
MobyFly bezeichnet sich selbst als Technologiefirma, nicht als Werft. Entwickelt und geliefert werden emissionsfreie Hydrofoil-Boote für den Fast-Ferry-Markt. Das Prinzip: Unter dem Rumpf sitzen Tragflügel. Ab einer gewissen Geschwindigkeit erzeugen sie genug Auftrieb, um den Rumpf komplett aus dem Wasser zu heben. Der Widerstand sinkt dramatisch – das Boot fliegt gewissermassen knapp über der Wasseroberfläche.
Die Zahlen, die MobyFly dazu nennt: Hunderte Passagiere sollen sich mit über 60 km/h transportieren lassen, bei rund 80 Prozent weniger Energieverbrauch als bei heutigen Diesel-Fähren. Dazu kommen laut Firma bis zu 60 Prozent tiefere Wartungskosten – ein Elektroantrieb hat schlicht weniger bewegliche Teile als ein Dieselmotor. Und: kaum Wellen, kaum Lärm, keine Abgase.
Die Geschichte
Gegründet wurde MobyFly 2020 von einem ungewöhnlichen Trio: dem Windsurf-Weltmeister Anders Bringdal, dem Ingenieur Ricardo Bencatel und der Unternehmerin Sue Putallaz. Diese Mischung erklärt viel. Wer jahrelang auf einem Foil-Board steht, hat ein körperliches Verständnis dafür, wie ein Tragflügel sich in Wellen verhält – und wie schnell das schiefgeht.
Der öffentliche Durchbruch kam mit dem Prototyp MBFY10, der auf dem Genfersee flog. Die Kennzahlen aus dieser Phase: bis zu 74 km/h mit ausgefahrenen Foils und rund 140 km Reichweite. MobyFly stand zudem 2022, 2023 und erneut 2025 auf der Top-100-Liste der vielversprechendsten Schweizer Startups.
Produkt & Technologie
Das aktuelle Fokusprodukt heisst MBFY-S: ein 12 Meter langes Boot für 12 bis 20 Passagiere, das derzeit in Portugal gebaut wird. Die jüngste Designiteration zeigte MobyFly am Salone Nautico Venezia 2026. Nach Firmenangaben ist das Boot für Wellen bis 2,5 Meter ausgelegt – die entscheidende Kennzahl, wenn man vom Binnensee auf Küstenrouten will.
Die eigentliche Ingenieursleistung liegt weniger im Rumpf als in der Regelung. Ein Foil-Boot ist von Natur aus instabil. Sensoren messen laufend Lage, Höhe und Anströmung, ein Regelkreis verstellt die Flügel dutzendfach pro Sekunde. Fällt diese Software aus, setzt das Boot hart auf. Genau hier entsteht der Burggraben – nicht beim Elektromotor, den man kaufen kann.
Markt & Wettbewerb
MobyFly rechnet mit rund 4,1 Milliarden Fährpassagieren weltweit pro Jahr und etwa 10'000 bestehenden Fährlinien unter 100 Kilometern Länge. Der globale Wassertransportmarkt wird von der Firma mit USD 618 Mrd. beziffert. Das Argument dahinter ist bestechend einfach: Flüsse, Seen und Küsten sind vorhandene Infrastruktur, die nichts kostet. Man muss keine Strasse bauen.
Allein ist MobyFly nicht. Schwedische, norwegische und amerikanische Anbieter arbeiten an derselben Idee, teils mit deutlich mehr Kapital. Der Vorteil der Walliser liegt weniger in der Grösse als in der Positionierung: Sie bauen nicht ein sportliches Einzelstück, sondern ein Verkehrsmittel, das ein Betreiber jeden Tag im Fahrplan einsetzen kann.
Finanzierung & Zahlen
2025 schloss MobyFly eine Series-A-Runde über CHF 10,1 Mio. ab. Beteiligt waren mehrere Investoren, darunter Crédit Mutuel und die CCF Valais. Das Geld soll Entwicklung und Auslieferung der ersten Boote finanzieren; das Unternehmen hoffte damals, erste Bestellungen innerhalb eines Jahres ausliefern zu können. Weitere Finanzierungsdetails legt MobyFly nicht offen.
Unsere Einordnung
Wir mögen diese Firma, und wir sagen auch, warum: MobyFly löst ein echtes Problem statt ein erfundenes. Viele europäische Städte hätten Wasserwege direkt vor der Tür, nutzen sie aber kaum, weil Diesel-Fähren laut, langsam und teuer sind. Ein leises, schnelles, wellenarmes Boot ändert diese Rechnung sofort.
Trotzdem: Der schwierige Teil kommt erst. Hardware im öffentlichen Verkehr bedeutet Zulassungen, Klassifizierungsgesellschaften, Crew-Schulung und Betreiber, die konservativ einkaufen. Eine Werft in Portugal zu beauftragen ist kapitaleffizient, macht die Firma aber abhängig von einem Partner, den sie nicht kontrolliert. Und CHF 10,1 Mio. sind für Hardware in dieser Klasse kein Polster, sondern eine Brücke.
Die Kennzahl, auf die es jetzt ankommt, ist keine Geschwindigkeitsangabe. Es ist die erste Fährlinie, die ein MobyFly-Boot täglich im Linienbetrieb fährt – mit zahlenden Passagieren, bei schlechtem Wetter, mit Ausfallstatistik. Gelingt das, hat die Schweiz ein Verkehrs-Startup von echtem europäischem Format. Wir hätten das gern aus dem Wallis.
Zum Startup
- Name
- MobyFly
- Phase
- Series A
- Letzte Runde
- CHF 10,1 Mio. (Series A, 2025)
- Kanton
- Wallis
Quelle: mobyfly.com
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