Zum Inhalt springen
startupnews.ch
← Zurück zu News
PorträtVerifiziert

Porträt: Wie Ionic Wind aus St. Gallen den Ventilator abschaffen will

Redaktion·25. Aug. 2026·6 Min.
Porträt: Wie Ionic Wind aus St. Gallen den Ventilator abschaffen will
In 30 Sekunden gelesen
  • Ionic Wind ist ein 2025 gegründetes Empa-Spin-off mit Sitz in St. Gallen; CEO und Mitgründer ist Donato Rubinetti.
  • Die Technologie erzeugt Luftstrom mit Hochspannungsfeldern statt mit rotierenden Lüfterblättern – ganz ohne bewegliche Teile.
  • Im Dezember 2025 schloss die Firma eine überzeichnete Pre-Seed-Runde von USD 2,1 Mio. unter Führung von SICTIC ab.
  • Ein Modul von 16 x 10 x 5 Millimetern liefert laut Firmenangaben 2 m/s Luftstrom; Zielmärkte sind Edge-KI-Geräte, Laptops und Single-Board-Computer.

🔎 Porträt – St. Gallen: Ein Empa-Spin-off will den Lüfter abschaffen – ausgerechnet in dem Moment, in dem KI-Chips heisser werden als je zuvor.

Der Ventilator ist eine der langweiligsten Komponenten der Elektronik – und eine der hartnäckigsten. Seit Jahrzehnten dasselbe Prinzip: ein Motor dreht ein Rad, das Rad schiebt Luft. Ionic Wind aus St. Gallen hält das für eine Sackgasse und baut Kühlung ohne ein einziges bewegliches Teil.

Was die Firma macht

Ionic Wind entwickelt sogenannte Airflow-Beschleuniger. Statt Luft mechanisch zu verwirbeln, erzeugen sie den Luftstrom mit elektrischen Hochspannungsfeldern. Keine Lager, keine Blätter, kein Motor. Das Ergebnis ist ein Modul, das ultradünn baut, lautlos arbeitet und dort kühlt, wo ein Lüfter schlicht nicht mehr hinpasst.

Der Nutzen liegt nicht nur in der Physik, sondern in der Gestaltungsfreiheit. Die Module lassen sich an den Rändern kompakter Gehäuse anbringen, hinter dicht bepackten Chips platzieren oder direkt in Strukturelemente integrieren. Damit entstehen Luftwege, die vorher konstruktiv unmöglich waren.

Die Geschichte

Die Firma ist jung: gegründet 2025, hervorgegangen aus der Empa. CEO und Mitgründer ist der Ingenieur Donato Rubinetti. Um ihn herum steht ein bewusst gemischtes Team – Rico Chandra bringt Erfahrung als mehrfacher Gründer mit, Liubov Shishaeva die Materialwissenschaft, Jan Fehse Vertrieb und Geschäftsentwicklung. Dazu kam Yin-Ting Chang, ein Ingenieur mit über zehn Jahren Praxis in Zulassung, Zertifizierung und Produktintegration von Elektronik.

Diese Zusammensetzung ist kein Zufall. Bei Hardware entscheidet selten die Physik über Erfolg oder Misserfolg, sondern die Frage, ob ein Bauteil durch Zertifizierung, Fertigung und Integration kommt. Dass ein Compliance-Fachmann früh an Bord ist, sagt mehr über die Ambition der Firma als jede Produktbroschüre.

Der Weg dorthin lief über den klassischen Schweizer Förderpfad: das BRIDGE-Proof-of-Concept-Programm, Venture Kick, die Klimastiftung Schweiz und der InnoBooster der Gebert Rüf Stiftung ermöglichten die entscheidenden technischen Meilensteine, bevor privates Kapital dazukam.

Produkt und Technologie

Die eindrücklichste Zahl der Firma ist eine Grössenangabe. Ein Airflow-Beschleuniger von 16 x 10 x 5 Millimetern liefert nach Firmenangaben zuverlässig 2 Meter pro Sekunde Luftstrom – in diesem Format schafft das kein mechanischer Lüfter.

Fast wichtiger als die Leistung ist, was wegfällt. Ohne Lager, Blätter und Motor verschwinden die typischen Ausfallursachen von Lüftern. Geräte werden leiser, vibrationsfrei und langlebiger. Für mobile Geräte, Edge-Installationen und kritische Elektronik ist das kein Komfortgewinn, sondern ein Zuverlässigkeitsargument.

Flavio Heer, SICTIC-Investor und Gründer von Zürich Instruments, spricht von einem Durchbruch bei der Gerätekühlung und sitzt inzwischen im Verwaltungsrat. Auch Tom Zimmermann, SICTIC- und Swiss-Shark-Tank-Investor, ist als Investor und Verwaltungsrat an Bord – für ihn verkörpert die Firma Schweizer Deeptech in Reinform: wissenschaftlich fundiert, industriell skalierbar, global relevant.

Markt und Wettbewerb

Das Timing ist günstig. In kompakter Hochleistungselektronik – Edge-KI-Rechner, Laptops der nächsten Generation, industrielle Sensormodule, Single-Board-Computer – sind Wärme, Lärm und Bauform zu den entscheidenden Engpässen geworden. Die Rechenleistung pro Kubikzentimeter wächst schneller als die Fähigkeit, die entstehende Wärme wegzubringen. Wer in weniger Raum mehr kühlen kann, hat für Gerätehersteller unmittelbar einen Wettbewerbsvorteil.

Der Gegner ist allerdings eine ganze Industrie. Die Fertigung mechanischer Lüfter wird seit Jahrzehnten von Asien dominiert, mit entsprechenden Stückkosten. Ionic Wind argumentiert nicht gegen dieses Ökosystem, sondern will es nutzen: Schweizer Technologie, asiatische Fertigungstiefe, Auslegung nach den strengen Compliance-Anforderungen moderner Elektronik. Das ist die realistischere Strategie – gegen die Kostenstruktur eines Lüfterwerks gewinnt man nicht mit Idealismus.

Finanzierung und Zahlen

Im Dezember 2025 schloss Ionic Wind eine überzeichnete Pre-Seed-Runde über USD 2,1 Millionen ab. Angeführt hat sie SICTIC, beteiligt waren Aare Ventures, Startfeld, CADFEM, Wartmann Futura, HAL, Valuemaker Invest und Kickfund. Das Geld fliesst in Produktzertifizierung, den Ausbau der Schutzrechte und die letzten Schritte zur Marktreife. Parallel laufen mehrere Kundenprojekte.

Rubinetti selbst betont weniger die Summe als die Zusammensetzung: Die Qualität der Investoren bringe Expertise und Netzwerk – und öffne die richtigen Türen deutlich schneller. Bei einem Bauteil, das in fremde Geräte hineinkonstruiert werden muss, ist das kein Marketingsatz, sondern die halbe Miete.

Unsere Einordnung

Ionic Wind ist genau die Sorte Firma, von der die Schweiz mehr braucht: eine echte Materialidee aus einem Bundeslabor, die nicht in einer Publikation endet, sondern in einem Bauteil. Der Zeitpunkt ist fast zu gut – der KI-Boom verschiebt gerade das gesamte thermische Budget der Elektronikbranche.

Wir sind trotzdem vorsichtig optimistisch statt euphorisch. USD 2,1 Millionen sind für Hardware wenig. Zertifizierung, Werkzeugbau und die erste Serienfertigung fressen Kapital in einer Geschwindigkeit, die Software-Startups nicht kennen. Und Komponentengeschäft bedeutet lange Designzyklen: Bis ein Modul in einem Laptop landet, vergehen bei grossen Herstellern schnell zwei Jahre.

Der entscheidende Beweis fehlt deshalb noch: ein namhafter Gerätehersteller, der die Module in ein Serienprodukt einbaut. Kommt dieser Referenzkunde in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten, wird aus einem sympathischen Empa-Spin-off ein ernstzunehmender Zulieferer. Kommt er nicht, bleibt es eine schöne Technologie auf der Suche nach ihrem Markt. Wir tippen auf Ersteres – die Physik spricht für sie, und der Markt hat gerade ein Problem, das grösser wird statt kleiner.

Zum Startup

Name
Ionic Wind
Phase
Pre-Seed
Letzte Runde
USD 2,1 Mio. (Pre-Seed, 2025)
Kanton
St. Gallen
Verwandte Themen

Quelle: empa.ch

Teilen

Mehr aus der Szene