Porträt: Wie Dexterous Endoscopes aus Lausanne das Endoskop auf Knopfdruck steif macht

- Dexterous Endoscopes ist ein Spin-off des Laboratory of Intelligent Systems der EPFL, geführt von CEO Yegor Piskarev und CTO Yi Sun.
- Das Endoskop wechselt über eine mechanisch segmentierte Struktur in Sekundenbruchteilen von flexibel auf starr.
- Das Team hat sieben Runden präklinischer Tests mit Chirurgen in Lausanne, München und London absolviert.
- Insgesamt hat die Firma über eine Million Franken eingesammelt – zuletzt ein FIT-Tech-Seed-Darlehen von CHF 100'000.
🔎 Porträt – Lausanne: Ein Instrument, das gleichzeitig biegsam und steif ist, klingt nach einem Widerspruch. Dieses EPFL-Spin-off löst ihn mechanisch – und zielt damit auf ein Problem, das Chirurgen täglich zwingt, Kompromisse einzugehen.
Dexterous Endoscopes gehört zu den Waadtländer Medtech-Firmen, die man noch nicht kennt und in zwei Jahren wahrscheinlich schon. Die Firma baut ein Endoskop, das auf Knopfdruck von weich auf starr umschaltet. Dahinter steckt keine exotische Chemie, sondern Mechanik – und genau das macht die Sache interessant.
Was die Firma macht
Minimalinvasive Eingriffe sind heute Standard. Weltweit unterziehen sich laut EPFL jedes Jahr rund 190 Millionen Patientinnen und Patienten einem solchen Eingriff. Möglich machen das Endoskope: lange, dünne Schläuche mit einer winzigen Kamera an der Spitze.
Der Haken ist ein Zielkonflikt, den bisher niemand aufgelöst hat. Starre Endoskope sind präzise und übertragen Kraft, kommen aber nicht in schwer erreichbare Winkel. Flexible Endoskope kommen überall hin, geben aber nach, sobald Kraft nötig wird. Chirurgen müssen deshalb mitten im Eingriff das Instrument wechseln – oder sie brechen den minimalinvasiven Ansatz ab und operieren offen. Das bedeutet für Patienten einen schwereren Eingriff und für Spitäler längere, teurere Operationen.
Dexterous Endoscopes will beides in einem Instrument: flexibel navigieren, dann am Ziel versteifen und präzise arbeiten.
Die Geschichte
Die Firma ist ein Spin-off des Laboratory of Intelligent Systems der EPFL. Geführt wird sie von CEO Yegor Piskarev und CTO Yi Sun. An der Hochschule wurde jahrelang an Wegen geforscht, die Steifigkeit von Instrumenten zu steuern – über intelligente Polymere, Metalllegierungen, die unter Wärme ihr Verhalten ändern, oder Vakuumsysteme mit tausenden Fasern und Granulaten.
Bemerkenswert ist, dass das Team unterwegs den Markt gewechselt hat. Ursprünglich war die Technologie für Herzkatheter gedacht. «Der Weg in den Markt ist sehr teuer, mit vielen regulatorischen Hürden», sagt Piskarev. Zudem läuft dort vieles über spezialisierte Medizinroboter, was den adressierbaren Markt begrenzt. Nach Gesprächen mit hunderten Chirurgen schwenkte das Team auf HNO, Urologie und Magen-Darm-Trakt um – grössere Märkte, gleicher ungelöster Bedarf, weniger Hürden.
Dieser Pivot ist die wichtigste Entscheidung der bisherigen Firmengeschichte. Er zeigt ein Team, das Forschung nicht mit einem Geschäftsmodell verwechselt.
Produkt & Technologie
Der Ansatz ist eine mechanisch segmentierte Architektur. Der Schaft besteht aus einer Reihe miteinander verbundener Segmente. Während der Navigation bewegen sie sich frei. Am Ziel werden sie rasch zusammengepresst und verriegeln sich – das Instrument wird zu einer stabilen Struktur, die Kraft überträgt. Der Wechsel dauert einen Sekundenbruchteil.
Der Unterschied zu bestehenden Lösungen ist entscheidend. «Einige Endoskope mit variabler Steifigkeit erlauben eine vorübergehende Versteifung des Schafts, um Instrumente einzuführen und zu positionieren», erklärt Piskarev. «Aber sie erlauben nicht, die Form zu fixieren, und bieten nicht die Kontrolle, die für präzise Eingriffe nötig ist.» Das Ziel ist, mehrere Stellen in einem einzigen Eingriff zu erreichen und zu behandeln.
Das Team hat sieben Runden präklinischer Tests an einem funktionierenden Prototypen absolviert, gemeinsam mit Chirurgen in Lausanne, München und London, unter Bedingungen nahe am echten Eingriff. Deren Rückmeldungen flossen direkt ins Design. «In unserem Feld muss man eng mit Chirurgen arbeiten, bevor das Design eingefroren wird», sagt Piskarev. Spätere Änderungen werden sehr teuer.
Markt & Wettbewerb
Der Endoskopiemarkt wird von einigen wenigen grossen Herstellern beherrscht. Ein Startup gewinnt dort nicht über Preis oder Vertrieb, sondern nur über eine Funktion, die es sonst nirgends gibt. Genau dort positioniert sich Dexterous Endoscopes.
Der Einstieg über die HNO-Chirurgie ist gut gewählt. Nebenhöhleneingriffe sind räumlich extrem beengt, die Zahl der Eingriffe ist hoch, und die Umstellung auf ein neues Instrument ist für das Spital überschaubar. Urologie und Gastroenterologie sind die logischen nächsten Schritte.
Die Firma will nun Zulassungen in der Schweiz und den USA erreichen. Dafür sammelt sie in diesem Jahr eine Finanzierungsrunde ein.
Finanzierung & Zahlen
Insgesamt hat Dexterous Endoscopes nach eigenen Angaben über eine Million Franken eingesammelt – fast ausschliesslich aus dem Schweizer Fördersystem. Die Liste liest sich wie ein Lehrbuch: CHF 130'000 aus dem Bridge-Proof-of-Concept-Programm, später eine Verlängerung über CHF 65'000 zusammen mit dem Innovation Booster Robotics und dem CHUV als Umsetzungspartner. Dazu CHF 130'000 aus den EPFL-Programmen Ignition und Innogrant, CHF 30'000 von Innovate4Life sowie ein Innosuisse-Beitrag samt Coaching.
Venture Kick hat die Firma durch alle drei Stufen gebracht: CHF 10'000 in Stufe 1, CHF 40'000 in Stufe 2 und CHF 100'000 in Stufe 3 – zusammen die vollen CHF 150'000 des Programms. Dazu kommen die Aufnahme ins InnoBooster-Programm der Gebert Rüf Stiftung, CHF 250'000 vom Kanton Waadt und zuletzt ein Tech-Seed-Darlehen der Stiftung FIT über CHF 100'000.
Ein Detail sticht heraus: Im HSG START Accelerator in St. Gallen war Dexterous Endoscopes das einzige von über 130 Startups, das ein Investment erhielt. Im Frühjahr gewann das Team zudem den Best Startup Award am BioAlps BIND 2026, gegen rund 30 Mitbewerber.
Unsere Einordnung
Dexterous Endoscopes macht fast alles richtig, was Schweizer Medtech-Spin-offs typischerweise falsch machen. Das Team hat den Markt gewechselt, als die Zahlen dagegen sprachen. Es hat vor dem Design-Freeze mit Chirurgen an drei Standorten getestet statt im Labor zu optimieren. Und es hat die Förderkette diszipliniert abgearbeitet, statt zu früh nach Risikokapital zu suchen.
Der mechanische Ansatz gefällt uns zudem aus einem nüchternen Grund: Er ist regulatorisch einfacher als thermische oder chemische Verfahren. Kein Material, das sich unter Wärme verändert, keine Vakuumpumpe im Operationssaal. Wer im Medizinprodukterecht Zeit sparen will, spart sie hier.
Trotzdem: Die Firma steht vor dem teuersten Teil des Wegs. Über eine Million Franken klingt nach viel, reicht für Zulassungen in zwei Märkten aber nicht annähernd. Die laufende Runde entscheidet, ob aus einem starken Prototyp ein Produkt wird. Wir würden auf dieses Team wetten – und schauen genau hin, wer die Runde anführt.
Zum Startup
- Name
- Dexterous Endoscopes
- Phase
- Pre-Seed
- Letzte Runde
- CHF 100'000 (FIT Tech Seed, 2026)
- Kanton
- Waadt
Quelle: actu.epfl.ch
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