Porträt: Wie Bcomp aus Freiburg den Flachs in die Rennwagen brachte

- Bcomp startete 2011 in Freiburg als Garagenprojekt für bessere Skikerne.
- Die Produkte ampliTex und powerRibs ersetzen Carbon und Kunststoff durch Flachsfasern.
- 2023 ging der Werkstoff im Volvo EX30 in die Serienproduktion, 2024 folgte eine Series C über USD 40 Mio.
- Laut Firmenangaben sinkt der CO2-Fussabdruck je nach Anwendung um bis zu 85 Prozent.
🔎 Porträt – Freiburg: Aus einem Garagenprojekt für bessere Skier wurde ein Werkstoffzulieferer, dessen Flachsgewebe heute in Rennwagen, in Elektroautos und auf Satellitenpanels sitzt.
Carbon gilt in der Industrie als der Werkstoff für alles, was leicht und steif sein muss. Er ist aber energieintensiv in der Herstellung und am Ende seines Lebens ein Problem. Bcomp aus Freiburg baut seit 15 Jahren an der Alternative: Fasern aus Flachs, einer Pflanze, die in Europa wächst.
Was die Firma macht
Bcomp verkauft keine fertigen Bauteile, sondern die Verstärkung darin. Zwei Produkte tragen das Geschäft. ampliTex ist ein technisches Gewebe aus Flachsfasern, das dort eingesetzt wird, wo man die Struktur auch sehen will – sichtbare Innenraumteile zum Beispiel. powerRibs ist eine Rippenstruktur, die auf ein Bauteil aufgebracht wird und dessen Steifigkeit deutlich erhöht, ohne viel Gewicht hinzuzufügen. Beide gibt es inzwischen auch in einer PP-Variante, die sich als Monomaterial recyceln lässt.
Die Firma nennt je nach Anwendung bis zu 85 Prozent weniger CO2 von der Wiege bis zum Werkstor, bis zu 50 Prozent leichtere Bauteile und bis zu 70 Prozent weniger Kunststoff. Das sind Bestwerte, keine Durchschnitte – aber sie erklären, warum Autobauer zuhören.
Die Geschichte
Angefangen hat alles mit Skiern. 2011 gründeten Materialwissenschaftler mit EPFL-Doktorat – unter ihnen der heutige CEO Christian Fischer und Julien Rion – Bcomp als Garagenprojekt. Sie verstärkten Balsakerne mit Flachsfasern und verbesserten so die Schubsteifigkeit. Das Produkt hiess bCores, und mehrere grosse Freeride-Marken bauten es ein.
Von da an ging es Branche für Branche weiter. 2012 kamen bCores und ampliTex offiziell auf den Markt, 2013 powerRibs. 2016 gewann Bcomp den Swiss Economic Award. 2017 folgte der Einstieg in den Motorsport. 2019 entstand mit dem Clean-Space-Programm der ESA das erste naturfaserverstärkte Satellitenpanel. 2020 kam die Partnerschaft mit Polestar, 2021 ein Formel-1-Sitz für McLaren. 2023 landete der Werkstoff in der Serienproduktion des Volvo EX30. 2024 holte sich Bcomp die B-Corp-Zertifizierung und die Automobilnorm IATF 16949.
Produkt und Technologie
Der technische Trick liegt nicht in der Pflanze, sondern in der Verarbeitung. Naturfasern schwanken in Qualität und Feuchtigkeit, und genau das mag die Automobilindustrie überhaupt nicht. Bcomp hat die Prozesskette so weit standardisiert, dass die Gewebe reproduzierbar sind und sich mit üblichen Verfahren verarbeiten lassen. Erst das macht aus einer sympathischen Idee ein Serienprodukt.
Dazu kommt ein Argument, das gerade im Motorsport zählt: Flachskomposite splittern bei einem Aufprall nicht in scharfe Fasern, sondern verformen sich gutmütiger. Was als Nachhaltigkeitsthema begann, ist damit auch ein Sicherheitsthema.
Markt und Wettbewerb
Bcomp bewegt sich in einem Markt, der von aussen unter Druck steht. Die EU verlangt von der Autoindustrie sinkende Lebenszyklus-Emissionen und mehr Rezyklat. Wer heute ein Interieurteil entwickelt, muss dessen Fussabdruck ausweisen. Genau dort liegt das Verkaufsargument.
Wettbewerb kommt weniger von anderen Flachs-Anbietern als von der eingespielten Kombination aus Kunststoff und Glasfaser. Die ist billig, verfügbar und millionenfach qualifiziert. Bcomp muss also nicht nur ökologisch, sondern technisch und preislich überzeugen – und das bei jedem einzelnen Bauteil neu.
Finanzierung und Zahlen
2022 schloss Bcomp eine Series B über USD 35 Mio. mit strategischen Investoren ab. 2024 folgte eine Series C über USD 40 Mio. Der Sitz ist Freiburg, dort steht auch die Produktion. Zu den Auszeichnungen zählen der JEC Innovation Award, der BMW Supplier Innovation Award als Newcomer des Jahres und der Altair Enlighten Award.
Unsere Einordnung
Bcomp macht etwas, das in der Schweizer Szene selten gelingt: aus einem Nischenprodukt für Sportartikel einen Automobilzulieferer bauen. Der Weg dahin dauerte gut ein Jahrzehnt, und genau das ist die Lehre. Werkstoffe verkaufen sich nicht über eine gute Story, sondern über Zertifikate, Qualifikationen und Wiederholbarkeit.
Der Motorsport war dabei der klug gewählte Einstieg: kleine Stückzahlen, hohe Zahlungsbereitschaft, maximale Sichtbarkeit. Wer im Rennwagen besteht, muss sich im Serienauto nicht mehr rechtfertigen. Offen bleibt die Skalierung. Flachs wächst auf Feldern, und Autohersteller bestellen in Hunderttausenderlosen. Die nächste Bewährungsprobe für Bcomp ist nicht das Labor, sondern die Lieferkette.
Zum Startup
- Name
- Bcomp
- Phase
- Series C
- Letzte Runde
- USD 40 Mio. (Series C, 2024)
- Kanton
- Freiburg
Quelle: bcomp.com
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