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Ore Energy holt USD 43 Mio. – die Niederländer lassen Eisen rosten, um Strom 100 Stunden zu speichern

Redaktion·6. Sept. 2026·6 Min.
Ore Energy holt USD 43 Mio. – die Niederländer lassen Eisen rosten, um Strom 100 Stunden zu speichern
In 30 Sekunden gelesen
  • Ore Energy hat eine Series A über USD 43 Mio. (rund EUR 38 Mio.) abgeschlossen, angeführt von Plural und HV Capital.
  • Die Gesamtfinanzierung des 2022 gegründeten TU-Delft-Spin-offs steigt damit auf über USD 61 Mio.
  • Die Eisen-Luft-Batterie speichert Strom bis zu 100 Stunden und kommt ohne Lithium, Kobalt und Nickel aus.
  • Das Geld fliesst in die erste Fabrik; die Produktion im Gigawattstunden-Massstab ist für 2028 geplant.

🌍 Blick über die Grenze – Niederlande: Dieses Startup löst mit Rost ein Problem, das auch die Schweizer Stromversorgung spätestens beim nächsten windstillen Novemberhoch einholt.

Lithium-Batterien sind gut darin, Strom über ein paar Stunden zu verschieben. Sie sind schlecht darin, ihn über Tage zu halten. Ore Energy aus Amsterdam und Delft baut deshalb eine Batterie aus Eisen, Wasser und Luft – und hat dafür gerade USD 43 Mio. eingesammelt.

Was die Firma macht

Ore Energy wurde 2022 als Spin-off der TU Delft von Aytac Yilmaz, Rutil Özdemir und Yaiza Gonzalez Garcia gegründet. Das Unternehmen unterhält Standorte in Amsterdam und Delft und beschäftigt laut eigener Website ein Team von 19 Personen. Es entwickelt Eisen-Luft-Batterien für die Langzeitspeicherung von Strom.

Das Prinzip ist verblüffend simpel und stammt aus dem Chemieunterricht. Beim Entladen oxidiert eine metallische Eisenelektrode in einer wasserbasierten Elektrolytlösung – sie rostet, und dabei fliesst Strom. Beim Laden läuft die Reaktion rückwärts, der Rost wird wieder zu metallischem Eisen. Möglich macht das eine Luftelektrode, die den nötigen Sauerstoff liefert.

Der entscheidende Punkt ist die Materialliste. Eisen, Wasser und Luft sind billig, überall verfügbar und lassen sich über eine europäische Lieferkette beschaffen. Kein Lithium, kein Kobalt, kein Nickel – und damit keine Abhängigkeit von Lieferketten, die heute weitgehend in China zusammenlaufen. Die Firma gibt die Speicherdauer mit bis zu 100 Stunden an und beziffert die Kosten pro Energiekapazität für Langzeitanwendungen auf rund ein Zehntel dessen, was Lithium-Ionen-Systeme kosten.

Was gerade passiert ist

Anfang August hat Ore Energy eine Series A über USD 43 Mio. abgeschlossen, umgerechnet rund EUR 38 Mio. Angeführt wurde die Runde gemeinsam von Plural und HV Capital, beteiligt war zudem Positron Ventures. Damit steigt die Gesamtfinanzierung der Firma auf über USD 61 Mio.

Das Geld ist für die erste Fabrik bestimmt. Dort will Ore Energy den Fertigungsprozess im Massstab validieren, bevor die Produktion im Gigawattstunden-Bereich anlaufen soll – geplant ist das für 2028.

Die Runde kommt nicht aus dem Nichts. Im Juli 2025 hat Ore Energy sein erstes Eisen-Luft-System in Delft ans Netz gebracht. Im Februar 2026 schloss die Firma einen 100-Stunden-Pilotversuch im EDF Lab les Renardières in Frankreich ab, gefördert über das EU-Programm StoRIES. Und im Juni 2026 unterzeichnete sie mit dem Energieanbieter Budget Thuis eine Vereinbarung über die Installation von bis zu 1 GWh Speicherkapazität in den Niederlanden, wobei eine erste Phase von 400 MWh für 2028 fest zugesagt ist. Zuvor hatte das Unternehmen bereits Förderung des European Innovation Council erhalten.

Das Loch, das niemand füllt

Der Speichermarkt ist in zwei Hälften geteilt, und nur eine ist besetzt. Für Zeiträume von zwei bis vier Stunden gibt es Lithium-Batterien im Überfluss; die Preise fallen seit Jahren. Für alles darüber wird es dünn. Wer Strom über mehrere bewölkte, windstille Tage retten will, muss ihn heute entweder in Pumpspeicher schieben – was Berge und Bewilligungen braucht – oder auf Gaskraftwerke ausweichen.

Genau in dieses Loch zielen Eisen-Luft-Systeme. Sie sind langsam, schwer und wenig elegant – aber das spielt keine Rolle, wenn die Aufgabe lautet, Energie über Tage billig zu parken. Der Wettbewerb ist international: In den USA arbeitet Form Energy an derselben Chemie und baut in West Virginia eine Fabrik. Der europäische Vorsprung, den Ore Energy reklamiert, ist die vollständig lokale Lieferkette. Dazu kommt ein Treiber, den vor drei Jahren niemand auf der Rechnung hatte: Rechenzentren für KI, die planbare Leistung rund um die Uhr brauchen und in netzüberlasteten Regionen wie den Niederlanden schlicht keinen Anschluss mehr bekommen.

Warum das für die Schweiz zählt

Die Schweiz fühlt sich beim Thema Langzeitspeicher gerne sicher. Wir haben Stauseen, und die sind der beste saisonale Speicher, den man haben kann. Das stimmt – und es macht bequem. Denn neue Pumpspeicher brauchen Jahrzehnte, und die Winterlücke bleibt das ungelöste Problem der Schweizer Energiestrategie. Modulare Speicher, die man neben ein Umspannwerk oder ein Industrieareal stellt, sind kein Ersatz für ein Stauseeprojekt, aber sie sind in zwei Jahren da statt in zwanzig.

Interessanter finden wir den zweiten Punkt. Ore Energy ist ein Uni-Spin-off, das eine langweilige, materialintensive Hardware-Idee bis zur Fabrik durchgezogen hat – mit einem Team von 19 Leuten und europäischem Kapital. Genau dieser Pfad ist der schwierigste im Schweizer Ökosystem. Deeptech-Firmen aus ETH und EPFL kommen bis zum Prototyp gut durch, dann folgt die Wachstumsfinanzierung für Fabriken, und dort wird die Luft dünn. Dass Plural und HV Capital eine Series A für eine Rostbatterie zeichnen, ist deshalb ein Signal an alle Schweizer Hardware-Gründerinnen: Europäisches Kapital ist bereit, in Stahl und Chemie zu investieren, wenn die Physik stimmt und der Markt sichtbar ist.

Unsere Einordnung: Die Technologie ist nicht neu, die industrielle Umsetzung schon. Ore Energy hat den Sprung vom Labor ans Netz und in einen echten Abnahmevertrag geschafft – das haben die wenigsten Batterie-Startups vorzuweisen. Die eigentliche Prüfung kommt trotzdem erst mit der Fabrik. Wer Zellen im Gigawattstunden-Massstab bauen will, scheitert selten an der Chemie und meistens am Prozess. Wir würden 2028 als Datum betrachten, nicht als Versprechen. Aber die Richtung stimmt, und die Schweiz sollte genauer hinschauen als bisher.

Quelle: oreenergy.com

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