Morphotonics holt über EUR 40 Mio. – die Niederländer bauen die Maschinen für KI-Brillen

- Morphotonics aus Veldhoven (Niederlande) hat eine Series B über mehr als EUR 40 Mio. abgeschlossen; die Runde verlängert eine 2024 eröffnete Series B.
- Bestehende Investoren 3M Ventures, Innovation Industries und BOM stocken auf, Invest-NL steigt neu gross ein; dazu kommen EIC Fund, Ernij Next und die Europäische Investitionsbank.
- Die Firma baut Anlagen für grossflächige Nanoimprint-Lithografie, mit denen sich Waveguides für KI- und AR-Brillen in grossen Stückzahlen herstellen lassen.
- Laut Firma hat sich der Umsatz von 2024 auf 2025 verdreifacht; das Team ist auf rund 60 Personen gewachsen.
🌍 Blick über die Grenze – Niederlande: Ein Maschinenbauer aus Veldhoven zeigt, dass im KI-Boom nicht nur Chips knapp sind, sondern auch die Fabriken für die Optik.
Alle reden über KI-Brillen. Kaum jemand redet darüber, wie man die Gläser dafür in Millionen-Stückzahlen herstellt. Morphotonics aus den Niederlanden baut genau diese Maschinen – und hat dafür jetzt über EUR 40 Mio. eingesammelt.
Was die Firma macht
Morphotonics sitzt in Veldhoven, mitten in der Brainport-Region rund um Eindhoven. Das ist dieselbe Gegend, in der auch der Lithografie-Riese ASML zuhause ist. Die Firma entwickelt seit rund zwölf Jahren Anlagen für grossflächige Nanoimprint-Lithografie, kurz NIL. Lange geschah das weitgehend unter dem Radar.
Das Prinzip ist schnell erklärt. Ein Stempel drückt winzige Strukturen im Mikro- und Nanobereich in eine flüssige Harzschicht. UV-Licht härtet das Harz aus. Die Maschine wiederholt das präzise über grosse Flächen. So entstehen viele Bauteile pro Durchgang – schneller und günstiger als mit klassischen Verfahren.
Das wichtigste Produkt heisst Cypris. Die Plattform ist auf die Massenfertigung sogenannter Waveguides ausgelegt. Das sind dünne, transparente Optikteile aus Glas oder Kunststoff. Sie leiten Licht so, dass vor dem Auge ein digitales Bild erscheint. Solche Waveguides stecken in den meisten Smart Glasses mit Display.
Das Geschäftsmodell ist zweiteilig. Morphotonics verkauft die Anlagen und lizenziert das Verfahren. Laut CEO Hugo da Silva liefert die Firma auch die Chemie und schult die Kunden im Prozess. Rund 90 Prozent des Umsatzes kommen aktuell aus der Hardware. Weltweit laufen 10 bis 15 Systeme, in zwei bis drei Jahren sollen es 50 sein. Hinter der Firma stehen unter anderem Mitgründer und CTO Jan Matthijs ter Meulen und Mitgründer Bram Titulaer.
Was gerade passiert ist
Morphotonics hat eine Series B über mehr als EUR 40 Mio. abgeschlossen. Die bestehenden Investoren 3M Ventures, Innovation Industries und BOM haben aufgestockt. Neu und gross eingestiegen ist Invest-NL, der staatliche Investor der Niederlande. Dazu kommen der EIC Fund der EU, das niederländische Family Office Ernij Next und die Europäische Investitionsbank.
Die Runde ist eine Verlängerung. Eröffnet wurde die Series B im Jahr 2024, damals mit einem ersten Closing über USD 10 Mio. Seither hat sich viel bewegt. Laut Firma hat sich der Umsatz von 2024 auf 2025 verdreifacht. Das Team ist von rund 30 auf 60 Leute gewachsen und soll sich bei 70 bis 75 einpendeln.
Mit dem Geld will Morphotonics die Produktion der Cypris-Anlagen hochfahren, die Produktentwicklung vorantreiben und Engineering, Vertrieb und Support ausbauen. Auch das Netz aus Zulieferern und der Service nach dem Verkauf sollen stärker werden. Die nächste Maschine ist bereits im Bau. Sie soll über sechs Millionen Waveguides pro Jahr herstellen können und Anfang 2027 ausgeliefert werden.
Der Markt: KI verlässt den Bildschirm
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Smart Glasses sind gerade das heisseste Hardware-Thema. Die Marktforscher von IDC erwarten, dass bis 2030 jährlich 12,2 Millionen Smart Glasses mit Display ausgeliefert werden. Counterpoint Research rechnet damit, dass smarte Brillen bis 2032 allein auf USD 44 Mrd. Umsatz pro Jahr kommen. Je grösser dieser Markt wird, desto mehr zählt die Frage, wer die Optik darin überhaupt günstig und in Masse herstellen kann.
Die Kunden von Morphotonics sitzen vor allem in Asien. Die Firma arbeitet mit Geräte- und Komponentenherstellern in China, Taiwan, Südkorea, den USA und Europa. Wer testen will, kann das Verfahren über ein Netz von Partnern ausprobieren, bevor er eine eigene Anlage kauft.
Das zweite Standbein kommt aus einer ganz anderen Ecke: Rechenzentren. Bei sogenannter Co-Packaged Optics wandern optische Verbindungen direkt neben die Chips. Auch dafür braucht es präzise Mikrooptik in grossen Stückzahlen. Morphotonics hat in diesem Feld laut eigener Aussage noch keine Maschine ausgeliefert. Die Technik sei aber von Kunden validiert.
Warum das für die Schweiz zählt
Für die Schweizer Szene steckt in dieser Runde eine unbequeme Lektion. Wir sind stark in der Forschung zu Optik und Photonik – an der ETH Zürich, an der EPFL und am CSEM in Neuenburg. Wir haben Spin-offs, die geniale Bauteile entwickeln. Was uns seltener gelingt, ist der Schritt zur Maschine, die diese Bauteile in Millionen-Stückzahl herstellt. Genau dort sitzt aber oft die Marge. Wer die Maschinen baut, verdient an jedem Gerät mit, egal welche Brillenmarke am Ende gewinnt.
Zweitens zeigt der Fall, was ein Cluster leisten kann. Morphotonics profitiert nach eigener Aussage von der Zulieferkette rund um ASML und nutzt viele derselben Lieferanten. In Veldhoven liegt das Know-how für Präzisionsmaschinen buchstäblich um die Ecke. Die Schweiz hat mit ihrer Präzisionsindustrie ähnliche Trümpfe. Sie werden nur selten so bewusst mit Deeptech-Startups verknüpft.
Drittens die Kapitalseite. Neben Corporate- und Venture-Investoren sitzen hier ein staatlicher Investor, der EIC Fund und die Europäische Investitionsbank am Tisch. Europa setzt öffentliches Geld zunehmend als Hebel für Hardware-Scale-ups ein. Die Schweiz diskutiert seit Jahren über mehr Wachstumskapital für Deeptech. Morphotonics zeigt, wie das aussehen kann, wenn Staat und Private zusammenspielen.
Unser Fazit: Der KI-Boom wird nicht nur in Rechenzentren entschieden, sondern auch in Fabrikhallen. Das sollten sich Schweizer Gründerinnen, Gründer und Investoren merken. Die nächste grosse Chance liegt vielleicht nicht im nächsten Modell – sondern in der Maschine, die es in die Welt bringt.
Quelle: tech.eu
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