Zum Inhalt springen
startupnews.ch
← Zurück zu News
MeinungVerifiziert

Cluster-Check: Diese acht Impact-Startups pitchten im Kraftwerk Zürich

Redaktion·28. Aug. 2026·7 Min.
Cluster-Check: Diese acht Impact-Startups pitchten im Kraftwerk Zürich
In 30 Sekunden gelesen
  • Am 27. August 2026 pitchten acht Startups im Kraftwerk Zürich um den Impact Award.
  • Aus rund 100 Bewerbungen wählte die Jury die acht mit dem grössten Wirkungspotenzial aus.
  • Der Sieger erhält CHF 25'000 und unbefristetes Mentoring durch EBP Ventures.
  • Die Themen reichen von PFAS-Abbau über Langzeitspeicher bis zu Hochwasserwarnung.

🗺️ Cluster – Impact-Startups Schweiz: Acht Teams, acht Probleme, die niemand freiwillig anfasst – und ein Abend, der zeigt, wo das Schweizer Impact-Feld gerade wirklich steht.

Am 27. August 2026 lief im Kraftwerk Zürich der Rocket Day mit dem Impact Award. Aus rund 100 Bewerbungen hatte die Jury acht Startups ausgewählt. Am Vormittag drei Stunden Co-Creation mit den Fachleuten von EBP, am Nachmittag die Pitches vor Jury und Publikum. Zu holen gab es CHF 25'000 und unbefristetes Mentoring durch EBP Ventures. Getragen wird der Anlass von EBP zusammen mit ETH, HSG, Innosuisse, Kickstart, Migros-Pionierfonds, Swisscom Ventures, ZHAW und weiteren Partnern.

Wer gewonnen hat, war zum Zeitpunkt dieses Beitrags noch nicht offiziell publiziert. Interessanter als der Sieger ist ohnehin das Feld. Es ist ein präziser Querschnitt durch das, woran die Schweizer Impact-Szene 2026 arbeitet. Alle Kennzahlen unten stammen von den Startups selbst und sind von uns nicht im Detail nachgeprüft – die Veranstalter halten das ebenso fest.

Die acht im Überblick

CellX – Bakterien gegen PFAS

PFAS stecken in Wasser, Böden und Industrieabwässern und bauen sich praktisch nicht ab. Heute verbrennt man sie bei hohen Temperaturen – teuer, energieintensiv, unvollständig. CellX sucht über eine mikrofluidische Plattform mikrobielle Gemeinschaften, die persistente Schadstoffe bis zur vollständigen Mineralisierung zersetzen, auch ultrakurzkettige PFAS. Der Prozess soll bei niedrigem Energieeinsatz laufen und sich in bestehende Kläranlagen einbinden lassen. Die Firma nennt 80 Prozent weniger CO2 als bei der Verbrennung.

DNAir – Artenerfassung aus der Luft

Flughäfen, Bahn, Energie und Bergbau müssen zunehmend belegen, welche Arten auf ihrem Areal leben. Bisher passiert das in Feldbegehungen: punktuell, aufwendig, immer nur eine Momentaufnahme. DNAir misst stattdessen die Luft. Eigene Sensoren erfassen genetische Spuren, die Tiere und Pflanzen ständig hinterlassen. Eine Probe deckt ab, wofür es sonst mehrere Erhebungen braucht – und der Betrieb vor Ort läuft weiter.

ERIDA – Orientierung für Geflüchtete

Wer in der Schweiz als geflüchtete Person ankommt, steht vor über 400 Angeboten, die kaum verbunden sind, dazu Rechtsfragen und Sprachbarrieren. ERIDA bündelt beide Seiten: mehrsprachige Orientierung und rechtliche Einordnung für Betroffene, anonymisierte Echtzeit-Auswertungen für Behörden und Trägerorganisationen. Das einzige Sozial-Startup im Feld – und thematisch das mutigste.

iron energy – Strom im Eisen speichern

Solar- und Windstrom fällt an, wenn Sonne und Wind da sind. Im Sommer gibt es Überschüsse, im Winter wird es knapp. iron energy speichert Strom chemisch in Eisen: Mit Dampf und Wasserstoff wird das Metall kontrolliert oxidiert und wieder reduziert – vereinfacht gesagt rosten und entrosten. Das System arbeitet drucklos, die Technologie ist patentiert, der nach Firmenangaben weltweit grösste Pilot dieser Art mit 10 MWh ist in Betrieb.

kuafu – Netz und Gebäude koordinieren

Die Verteilnetze kommen an ihre Grenzen: Engpässe, steigende Ausgleichskosten, abgeregelte Erneuerbare. Netzbetreiber sehen nicht, was in den Gebäuden passiert. kuafu verbindet beide Seiten über eine Plattform und koordiniert Elektroautos, Batterien und Wärmepumpen in Echtzeit. Die Firma rechnet mit bis zu 60 Prozent tieferen Ausgleichskosten und bis zu 15 Prozent weniger Lastspitzen.

Nepsos – Bremsen ohne Feinstaub

Die Abgasnorm Euro 7 regelt erstmals den Feinstaub aus Bremsabrieb. Sie gilt ab dem 29. November 2026 für neu genehmigte Pkw-Modelle und ab dem 29. November 2027 für alle neu zugelassenen Pkw. Der Grenzwert liegt bei 7 Milligramm pro Kilometer für Verbrenner und Hybride und bei 3 Milligramm für Elektroautos; ab 2035 gelten 3 Milligramm für alle Antriebsarten. Heutige Stahlbremsen liegen laut Nepsos bei rund 20. Das Startup entwickelt eine Leichtbau-Bremsscheibe, die den Bremsstaub um über 80 Prozent senken soll – 60 Prozent leichter als Stahl, rostfrei und so verschleissfest, dass sie ein Fahrzeugleben hält.

REEcover – seltene Erden aus Elektroschrott

Europa bezieht seine seltenen Erden zu 100 Prozent aus China, während Millionen Tonnen Elektroschrott mit genau diesen Metallen auf Deponien landen. Recycelt wird davon bislang weniger als ein Prozent. REEcover gewinnt die Metalle zurück und macht daraus Oxide in Neumaterialqualität. Das patentierte Verfahren nutzt die Reaktivität von Metall-Schwefel-Bindungen und erreicht laut Firma Trennfaktoren über 1000, wo bestehende Prozesse zwischen 1 und 60 liegen.

Riverkin – Hochwasserwarnung für den eigenen Fluss

Globale Hochwassermodelle sind gut, lokale Vorhersagen nicht. Messdaten sind spärlich und liegen in getrennten Silos. Riverkin installiert ein Sensor-Kit am Fluss, worauf sich ein global trainiertes Modell an genau diesen Abschnitt anpasst und 48-Stunden-Vorhersagen liefert. Dieselben Daten gehen per API an Modelliererinnen, Versicherer und Entwickler weiter.

Unsere Einordnung

Wer das Feld nebeneinander legt, sieht ein Muster: Sechs von acht Teams verkaufen nicht an Konsumenten, sondern an Betreiber von Infrastruktur – Kläranlagen, Netze, Flughäfen, Automobilzulieferer, Feuerwehren. Das ist die Schweizer Impact-Szene in Reinform. Sie baut keine Apps, sie baut Zulieferteile für eine Wirtschaft, die unter Regulierungsdruck umbauen muss.

Das ist eine Stärke und eine Schwäche zugleich. Die Stärke: Der Markt kommt von selbst. Euro 7 zwingt die Autoindustrie ab Ende 2026 zu neuen Bremsen, ob sie will oder nicht. PFAS-Grenzwerte werden verschärft, Biodiversitätsnachweise werden Pflicht, Netzkosten steigen. Diese Startups müssen keine Nachfrage erfinden, sie müssen liefern, bevor jemand anders liefert.

Die Schwäche: Solche Geschäfte sind kapitalhungrig und langsam. Ein Pilot mit 10 MWh ist kein Produkt, eine Bremsscheibe braucht Jahre Zulassung, ein Kläranlagen-Verfahren muss durch kantonale Bewilligungen. CHF 25'000 Preisgeld lösen das nicht. Was diese Teams wirklich brauchen, sind erste zahlende Referenzkunden aus der Schweizer Infrastruktur – und genau darum ist das Co-Creation-Format mit einem Ingenieurbüro wie EBP wertvoller als der Check.

Auffallend ist, was fehlt: kein einziges Foodtech, kein Agrartech, kein Gebäudesanierungs-Startup. Bei acht von 100 Bewerbungen mag das Zufall sein. Trotzdem lohnt der Blick, ob die Schweizer Impact-Förderung gerade zu stark auf Hightech-Verfahren und zu wenig auf unspektakuläre, aber grosse Hebel schaut. Der grösste CO2-Hebel im Land liegt weiter im Gebäudepark.

Unser Favorit im Feld: ERIDA. Nicht, weil die Technologie die spektakulärste wäre, sondern weil das Problem echt und der Lösungsansatz unaufgeregt ist. Über 400 unverbundene Angebote sind ein Koordinationsversagen, kein Technologieproblem – und genau solche Probleme löst Software am besten.

Quelle: rocketday.ch

Teilen

Mehr aus der Szene