Flip holt USD 25 Mio. – Stuttgart baut die KI-Schicht für die Werkhalle

- Flip aus Stuttgart hat am 19. August 2026 USD 25 Mio. aufgenommen.
- Die bisherigen Investoren Notion Capital und HV Capital stocken auf, die L-Bank steigt neu ein.
- Die 2018 gegründete Firma beschäftigt 150 Personen und wird nach eigenen Angaben von über 1'000 Marken genutzt.
- Das Geld fliesst in digitale Identitäten und den KI-App-Baukasten Fusion.
🌍 Blick über die Grenze – Deutschland: Wer in Zürich an Software für Mitarbeitende ohne Schreibtisch arbeitet, sollte genau hinschauen, wo dieses Stuttgarter Startup gerade sein frisches Geld hinlegt.
Die KI-Welle hat bisher vor allem Büros erreicht. Wer am Band steht, im Laden bedient oder in der Pflege arbeitet, merkt davon fast nichts. Flip aus Stuttgart hat dafür am 19. August USD 25 Mio. aufgenommen – mit einer These, die man auch in der Schweiz ernst nehmen sollte.
Was die Firma macht
Flip wurde 2018 in Stuttgart gegründet und baut eine Mitarbeiter-App für Menschen ohne Schreibtisch. In einer einzigen Anwendung stecken interne Kommunikation, HR-Services, Arbeitsabläufe, digitale Identität und mittlerweile KI-Agenten. Zielgruppe sind laut Firma jene rund 80 Prozent aller Beschäftigten weltweit, die nicht am Bildschirm sitzen.
Die Firma beschäftigt 150 Personen und unterhält Büros in Deutschland, Grossbritannien und den USA. Nach eigenen Angaben nutzen über 1'000 Marken die Plattform, insgesamt mehr als zwei Millionen Menschen. Zu den Kunden zählen Bosch, REWE, APCOA, FORVIA HELLA, SIXT, TEDi und der Verpackungskonzern Greif.
Greif dient Flip als Referenzfall: Im ersten Pilotversuch erreichte die App laut Firmenangaben 85 Prozent Nutzungsquote und 74 Prozent wöchentlich aktive Nutzende. Inzwischen läuft sie an über 100 Standorten in 15 Ländern. Der Teilehandel Europart setzt Flip seit 2021 ein, heute für rund 2'000 Mitarbeitende an 300 Standorten in 28 Ländern.
Was gerade passiert ist
Die neue Runde über USD 25 Mio. tragen die bisherigen Investoren Notion Capital aus London und HV Capital aus Berlin, die beide aufstocken. Neu dabei ist die L-Bank, die Förderbank des Landes Baden-Württemberg. Dazu kommt ein Kreis von Business Angels und institutionellen Investoren.
Flip hat schon früher in dieser Grössenordnung gesammelt: 2022 kamen USD 30 Mio. in einer Series A zusammen, angeführt von denselben zwei Fonds. Dass beide jetzt erneut nachlegen, ist das eigentliche Signal. "Wir unterstützen Flip seit 2022", sagt Jos White, General Partner bei Notion Capital, "dass wir nachlegen, zeigt unsere Überzeugung."
Das Geld geht nach Firmenangaben nicht in eine weitere App, sondern in Infrastruktur. Zwei Produkte stehen im Zentrum. Fusion ist ein KI-Baukasten, der massgeschneiderte Frontline-Apps in Echtzeit erzeugt – statt monatelanger Ausschreibung und Anpassung von Standardsoftware. Frontline Identity, im Juni lanciert, schafft die Voraussetzung für eine sichere digitale Identität ohne Firmen-E-Mail-Adresse.
Warum die E-Mail-Adresse das Nadelöhr ist
Der Punkt klingt banal, ist aber der Kern des Problems. Fast jede Unternehmenssoftware setzt voraus, dass ein Mensch eine Firmen-E-Mail hat. Genau die haben Verkäuferinnen, Lageristen und Pflegende meistens nicht. Ohne Identität kein Login, ohne Login keine Rechte, ohne Rechte kein KI-Assistent, der weiss, wer da fragt und was diese Person sehen darf.
Flip-Mitgründer und CEO Benedikt Brand formuliert es so: KI sei im Büro längst Alltag, am Band, im Laden oder in der Pflege aber kaum angekommen – nicht mangels Interesse, sondern weil die digitale Identität und die Infrastruktur fehlten. Wer diese Schicht besetzt, sitzt an einer Stelle, an der später jede weitere Anwendung vorbeimuss.
Das Feld füllt sich entsprechend schnell. In Europa sammelten 2026 unter anderem Skello aus Paris EUR 200 Mio., Orbio aus Madrid EUR 18,09 Mio. und Nesto aus Karlsruhe EUR 11 Mio. ein – alle im weiteren Umfeld von Software für operative Belegschaften.
Warum das für die Schweiz zählt
Die Schweiz hat in dieser Kategorie einen eigenen Vertreter, und zwar einen frühen: Beekeeper aus Zürich, 2012 gegründet, verkauft seit über einem Jahrzehnt genau diese Mitarbeiter-App an Hotellerie, Detailhandel, Produktion und Logistik. Beekeeper war lange die europäische Referenz im Segment. Jetzt wird das Feld enger, und es verschiebt sich.
Denn der Wettbewerb läuft nicht mehr über die schönere App. Er läuft über Identität, Rechte und die Fähigkeit, KI-Agenten auf Firmendaten loszulassen, ohne dass Datenschutz und Mitbestimmung explodieren. Wer diese Basis nicht hat, verkauft in zwei Jahren ein Nachrichtenmodul, während andere das Betriebssystem der Schicht verkaufen.
Auffällig ist zudem, wer mitfinanziert: eine Landesförderbank. Baden-Württemberg steckt öffentliches Geld in ein Software-Scale-up, weil es dessen Industriekunden dient. Ein vergleichbares Instrument für Schweizer Wachstumsrunden gibt es in dieser Form nicht – Innosuisse fördert früh, aber nicht in dieser Phase. Das ist keine Katastrophe, aber ein struktureller Unterschied, den man kennen sollte.
Unser Fazit: USD 25 Mio. sind im heutigen Markt keine grosse Runde. Interessant ist die Richtung. Flip wettet darauf, dass die nächste Wertschöpfung nicht im Büro entsteht, sondern in der Werkhalle – und dass man dafür zuerst die langweilige Identitätsfrage lösen muss. Diese Wette halten wir für richtig. Die Schweizer Anbieter sollten sie ernster nehmen als den Betrag.
Quelle: getflip.com
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