Cluster-Check: Sechs Startups, die das Tessin auf die Tech-Landkarte bringen

- Das Tessin hat eine kleine, aber vielfältige Startup-Szene rund um Lugano und Manno
- Vorgestellt: GR3N, Gaia Turbine, DEC Energy, InkVivo, InVirtuoLabs und BloodLoop
- Bandbreite von Cleantech und Energie über Biotech und KI bis Web3-Gaming
- Unsere Meinung: viel Rohmaterial, zu wenig Bühne
🗺️ Cluster – Tessin: Der Kanton gilt als Sonnenstube, nicht als Tech-Hub. Doch zwischen Lugano und Manno wächst eine erstaunlich vielfältige Startup-Szene.
Wer an Schweizer Deeptech denkt, denkt an Zürich, Lausanne oder Basel. Das Tessin taucht selten auf. Zu Unrecht. Rund um die Università della Svizzera italiana, die SUPSI und den Technopark in Manno ist eine kleine, aber feine Gründerszene entstanden. Sechs Firmen zeigen die Bandbreite.
GR3N – PET-Recycling per Mikrowelle
Das Aushängeschild des Tessiner Deeptech sitzt in Lugano. GR3N recycelt PET und Polyester chemisch, mit einem Mikrowellen-Verfahren zur Depolymerisation. Der Kunststoff wird in seine Bausteine zerlegt und lässt sich beliebig oft neu verwenden. 2026 holte GR3N eine Series B über EUR 15,5 Mio. und baut in Spanien die erste Industrieanlage dieser Art. Sie trägt den Namen MODUS. Das ist der Sprung vom Labor in die Fabrik – der schwierigste Schritt überhaupt.
Gaia Turbine – Strom aus dem Wasserrohr
Gaia Turbine aus Lugano baut kompakte Mini-Wasserturbinen zum Einbau in bestehende Rohre und Aquädukte. Der Wirkungsgrad liegt nach Firmenangaben über 90 Prozent. Damit lässt sich Strom aus kleinen Wassermengen gewinnen, die heute ungenutzt bleiben. Nach der Seed-Runde über CHF 1 Mio. im Jahr 2023 legte das Team 2025 mit einer weiteren Runde über CHF 1,1 Mio. nach.
DEC Energy – Solarpanels zur Miete
DEC Energy aus Viganello geht die Energiewende von der Finanzseite an. Firmen mieten einzelne Solarpanels, statt eine ganze Anlage zu kaufen. So kommen sie zu grünem Strom und Herkunftsnachweisen ohne eigene Investition. Die Seed-Runde 2024 brachte CHF 1,2 Mio.
InkVivo Technologies – Medikamente, die länger wirken
InkVivo Technologies ist ein ETH-Spin-off mit Sitz in Lugano. Es entwickelt Polymere, die Wirkstoffe präzise und über lange Zeit im Körper freisetzen. Ziel ist, häufige Spritzen zu ersetzen und die Therapietreue bei chronischen Krankheiten zu verbessern. 2025 sammelte InkVivo eine Pre-Seed-Runde über CHF 1,1 Mio.
InVirtuoLabs – Wirkstoffsuche am Computer
InVirtuoLabs, ebenfalls aus Lugano, sucht neue Wirkstoffe am Computer. KI und physikbasierte Simulationen sagen voraus, welche Moleküle wirken könnten – bevor teure Laborversuche starten. Das spart Zeit und Geld in der frühen Medikamentenforschung. Die Seed-Runde 2025 lag bei EUR 2,85 Mio.
BloodLoop – Gaming mit echtem Eigentum
Und dann ist da noch BloodLoop aus Lugano. Der Web3-Hero-Shooter des Studios 7 Digital Labs hinterlegt Waffen, Skins und Charaktere als NFTs auf der Avalanche-Blockchain. Spieler besitzen ihre Gegenstände damit wirklich. 2024 floss eine Seed-Runde über USD 4 Mio. Ob Web3-Gaming durchstartet, ist offen – aber es zeigt die Bandbreite der Szene.
Unsere Einordnung
Das Tessin wird nie mit Zürich oder Lausanne mithalten. Dafür fehlen die Grösse und eine Hochschule vom Format der ETH. Doch genau darin liegt der Reiz. Die Szene ist klein, eng vernetzt und überraschend mutig. Von PET-Recycling über Mini-Wasserkraft bis zur KI-Wirkstoffsuche ist die Bandbreite grösser als in manch grösserem Kanton.
Auffällig ist die Nähe zu Italien. Viele Gründer bringen internationale Erfahrung mit, und die Region zieht Talent aus dem Norden Italiens an. Das ist ein Standortvorteil, den das Tessin bisher zu wenig ausspielt. Wir wünschen uns, dass Kanton und Hochschulen die Szene sichtbarer machen. Das Rohmaterial ist da. Es braucht nur mehr Bühne.
Quelle: gr3n-recycling.com
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