Noxtua holt über EUR 100 Mio. – der Verlag C.H.BECK kauft sich die Legal-AI, und die Schweiz ist dabei

- Die Berliner Legal-AI Noxtua schliesst am 23. September 2026 eine Series C über 100 Mio. Euro ab.
- Der Verlag C.H.BECK wird Mehrheitsaktionär, der österreichische Verlag MANZ steigt neu ein. Global Brain, KDDI Open Innovation Fund, CMS, Dentons und Dominik Schiener verlassen den Kreis.
- Noxtua zählt nach eigenen Angaben über 30'000 Nutzer und rund 100 Mitarbeitende, mit Büros unter anderem in Fribourg.
- Mit Swiss-Noxtua entsteht zusammen mit dem Basler Verlag Helbing Lichtenhahn eine Version für das Schweizer Recht.
🌍 Blick über die Grenze – Berlin: Warum ein Rechtsverlag ein KI-Startup übernimmt, zeigt, wohin auch der Schweizer Rechtsmarkt steuert.
Anwälte suchen, lesen und schreiben den ganzen Tag. Genau das macht Künstliche Intelligenz besser und schneller. Das Berliner Startup Noxtua hat dafür jetzt über 100 Mio. Euro bekommen. Der neue Mehrheitsaktionär ist kein Fonds, sondern ein traditionsreicher Rechtsverlag.
Was die Firma macht
Noxtua wurde 2017 in Berlin gegründet. Hinter der Firma stehen Dr. Leif-Nissen Lundbæk als CEO und Prof. Dr. Michael Huth als Mitgründer. Die Wurzeln liegen in der Forschung an der University of Oxford und am Imperial College London. Das erste Produkt kam nach Angaben von Tech.eu 2024 auf den Markt.
Noxtua ist eine Legal-AI-Plattform. Sie unterstützt Juristinnen und Juristen bei Recherche, Analyse und beim Erstellen von Dokumenten. Der Clou liegt im Datenfundament: Statt allgemeiner Internetdaten nutzt Noxtua kuratierte Inhalte europäischer Rechtsverlage. Daraus entstehen Länder-Versionen wie Beck-Noxtua für Deutschland, MANZ-Noxtua für Österreich und Swiss-Noxtua für die Schweiz. Dazu kommen Varianten für Polen, Tschechien, die Slowakei, Bulgarien und Schweden.
Nach eigenen Angaben hat Noxtua über 30'000 Nutzer und rund 100 Mitarbeitende. Die Büros stehen in Berlin, Paris, Stockholm, Zagreb, München und Fribourg.
Was gerade passiert ist
Am 23. September 2026 gab Noxtua eine Series C über mehr als 100 Mio. Euro bekannt. Der Münchner Verlag C.H.BECK wird damit Mehrheitsaktionär. Nach Firmenangaben ist es die grösste Investition in der über 260-jährigen Geschichte des Verlags. Der österreichische Verlag MANZ steigt als Minderheitsaktionär neu ein.
Gleichzeitig ziehen sich frühere Geldgeber zurück: Global Brain Corporation, der KDDI Open Innovation Fund, die Kanzleien CMS und Dentons sowie Dominik Schiener. Die beiden Kanzleien bleiben laut Fachmedien als Ankerkunden an Bord. Bereits die Series B von rund 81 Mio. Euro hatte C.H.BECK gemeinsam mit CMS und Dentons getragen.
Das Kapital soll in Produktentwicklung, Teamausbau, die Expansion in Europa und engere Partnerschaften mit Verlagen fliessen. Lundbæk betont in der Mitteilung, dass Noxtua auf exklusiven Inhalten führender Rechtsverlage aufbaut.
Legal-AI: Wem gehört das Wissen?
Der Markt für Legal-AI ist umkämpft. Viele Anbieter setzen auf grosse Sprachmodelle und lizenzieren Inhalte dazu. Noxtua wählt den umgekehrten Weg: Die Verlage sind nicht Lieferanten, sondern Eigentümer. Damit steht die Firma für eine europäische Antwort auf US-Anbieter, die Wert auf Datenherkunft und Souveränität legt.
Der Ansatz hat Logik. Rechtsverlage besitzen Kommentare, Urteilssammlungen und Fachliteratur, die kein Sprachmodell einfach so im Netz findet. Ein Verlag, der seine Inhalte mit KI erschliesst, sichert sich sein Geschäft im nächsten Jahrzehnt. C.H.BECK sieht das offenbar genauso und geht deshalb von der Partnerschaft zur Mehrheit.
Warum das für die Schweiz zählt
Die Schweiz ist von Anfang an Teil der Geschichte. Am 29. Oktober 2025 kündigte Noxtua zusammen mit dem Basler Verlag Helbing Lichtenhahn Swiss-Noxtua an. Die Lösung soll auf Schweizer Rechenzentren laufen und in Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch verfügbar sein.
Im März 2026 legte Noxtua nach. Das Startup übernahm ein achtköpfiges NLP-Team des Schweizer Startups Neur.on und eröffnete ein Büro in Fribourg. Paula Reichenberg, VP Legal Innovation bei Noxtua, sagte damals, die Schweiz sei Europa im Kleinen, mit Sprachen und kantonalen Rechtstraditionen. Nach Angaben von Helbing Lichtenhahn baut der Verlag im Juni 2026 auf Swiss-Noxtua.
Was bedeutet das? Erstens: Ein deutscher Verlag steuert nun ein Produkt, das Schweizer Anwälte für ihre Recherche nutzen sollen. Die Schweizer Inhalte kommen aber von einem Schweizer Verlag, die Daten liegen in der Schweiz. Das ist für das Berufsgeheimnis ein wichtiges Argument. Zweitens: Ein Teil der Entwicklung passiert in Fribourg, mit Schweizer Fachleuten.
Unsere Einordnung: Diese Runde ist ein Weckruf für Schweizer Legaltech. Wer hierzulande Rechts-KI baut, konkurriert nicht mehr nur mit anderen Startups. Er konkurriert mit Verlagen, die ihre Inhalte selbst KI-fähig machen und dafür dreistellige Millionenbeträge einsetzen. Kleine Teams brauchen deshalb klare Nischen und eigene Datenquellen.
Gleichzeitig gibt es eine Chance. Noxtua zeigt, dass Europa Legal-AI aus Europa kann und will. Ein Schweizer Verlag ist Partner, ein Schweizer Team arbeitet mit. Wir wünschen uns, dass daraus mehr entsteht als eine Marke: nämlich echte Arbeitsplätze und Know-how in Fribourg. Ob Swiss-Noxtua im Alltag der Kanzleien besteht, wird sich an einem zeigen: an der Qualität der Antworten zum Schweizer Recht.
Quelle: noxtua.com
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